Pitt und Fox 13
Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig
allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die
Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war
einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte
sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau
van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. --
Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und
sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen.
-- Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. --
Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr
sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere
Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. -- Sie
ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte
Photographien. -- Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser
Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! -- Pitt sah zerstreut
seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen
weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein
einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in
ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in
ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo
selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem
fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein!
-- Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien
an. -- Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du
Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein
Vater aus Italien mitgebracht hat. -- Harald holte sie und betrachtete
die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen,
reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo
aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten
schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. -- Er geriet
in immer größeren Eifer. -- _Möchtest_ du einmal nach Italien? fragte
Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas
fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. -- Ich würde
dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine
Erziehung sehr erfreulich. -- Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr
Knie. -- Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen
ziehen lassen kann. -- Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich
dachte du meintest gleich! -- Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine
Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir
ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in
Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem _er_
gerne reisen würde. -- Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob
der gerade vom Himmel gefallen wäre. -- Der wird sich wohl bedanken und
lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. -- Hierauf
schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun
blieb, war Sache Haralds. -- Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt,
worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war
-- er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. -- Ich muß nach
Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine
Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief
bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! -- Das ist nicht
wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und
ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. -- All
die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.
Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück,
blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand
etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber
sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht
ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter
sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich
schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden
drohte, -- dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück
ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.
Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte,
dankbar und voll Traurigkeit. -- Der Wagen rollte davon, Frau van Loo
wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie
Elfriede ein.
Viertes Kapitel.
Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten
Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem
sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich
gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren,
untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den
großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase
zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des
Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an
die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre
wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr
in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm
nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas
schüchternen Blick über ihn hingehen.
Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint
auch da zu sein; zwar -- wenn die denkt, ich würde irgend etwas
unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind --
also: unantastbar, -- aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein
herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!
Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert
hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter,
sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.
O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der
Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und
begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. --
Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich
vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch
versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich
nur um deine Seminararbeiten! --
Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch
größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte
ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn
möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie
Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter
ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte
entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das
unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es
die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im
übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht
unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! --
Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich
erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des
Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten,
aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte.
Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision
zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden.
Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus
seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere
Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.
Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie
auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus
gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu
denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen
denken, das ist doch viel einfacher!
Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich
ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann
dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz
lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war
ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die
andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht
gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn
Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt
antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und
vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich
endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu
machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag
nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen
japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den
Namen »das Angßangbel«.
Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen
Zimmern möglichst wenig zu tun haben. -- Und deine Bücher? fragte Fox.
Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in
Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in
einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen;
er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr
wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran.
Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß
er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.
Fox schuf sich in Bälde einen Verkehrskreis. Zunächst besuchte er den
Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu
versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund
für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an
diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so
stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen
Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es
zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da
dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach
Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ
ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer
Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten,
Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft
gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der
Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam,
das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so
begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere
erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne
weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele
durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man
jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer
Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann
vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder
aber er sagte etwa: Teufel noch mal -- Sie haben recht! Das Gespräch
interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie
hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ...
wirklich ganz famos! -- Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich
wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt
irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder,
vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein
Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab
es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme,
mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen,
sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht
neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und
murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein
hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später,
er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den
Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so
bescheiden! so einfach! so ganz und gar -- also doch wirklich --
bescheiden! -- Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit
anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem
Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er
dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast
zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja
auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand
herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert
als Kunstwerk! -- Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen
Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. -- Am meisten
aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox
hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt
in der Familie als musikalisch. -- Bei den ersten Tönen führte er die
Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte
nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten
Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann
wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit
großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt
geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die
Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange herunter. -- Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte, konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.
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