2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 12

Pitt und Fox 12


Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort
sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr
eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre
Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch
von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle!
-- Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. --
Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie
das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.
 
Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand
reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes
Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. --
Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. -- Ja,
sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte
kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und
selbstverständlich sprach. -- Harald teilte dies sofort Elfriede mit:
sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede
hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und
die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete
sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es
war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In
seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem
Gesetz zu folgen.
 
Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß
ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber
lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte,
sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in
seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu
Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten
Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah
sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf
seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie,
wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen
Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen
würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken
zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber
gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war.
Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten
von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend
jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen
suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis
mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine
glückliche Stille führe, -- und wenn er dann endlich zu ihr herübersah,
da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ
ihre Spannung etwas nach.
 
Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine
Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu
empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all
seinen Schimmer für ihn zu verlieren.
 
Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber
hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken
daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte,
hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst,
wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu
einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! -- Du reist morgen? Elfriede
erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo
anders? -- Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. -- Siehst
du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. -- Sie stand vor ihm, hob die
Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. -- Oder ist es dir doch
gleichgültig? -- Sie sah ihm fast flehend in die Augen. -- Es war als
käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar,
zweifelnd, grübelnd, und er blieb. -- Aber ihre Gegenwart bedrückte,
beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt
zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags
zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so
schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei.
Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und
interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die
sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher
unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und
Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte
geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue
Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig
oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich
als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas
vorsichtiger um. -- Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte
Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas
Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte
und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und
einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten,
muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein
Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. --
 
Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen
hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar
nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen
Augen stand sie da -- er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen --
und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten
ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte,
und das ihm so gut gefallen habe. -- Im selben Augenblick, wo sie so
unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte
sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein
Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in
seinem Zimmer das Fenster schließen. -- Sie dachte: das können doch auch
die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel,
schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus,
zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne
Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam
nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie
horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis
vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem
sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand
bewegungslos und fragend auf der Schwelle.
 
Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete
Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen
Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr
gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. -- Ach so!
rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel
vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst
gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. -- Sie hatte die
Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und
ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse
Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf
halbem Wege stehen. -- Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu
sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von
allen war. -- Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen
Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte
es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach
sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da
lösten sich ihre Tränen.
 
O, du quälst mich so! -- -- diese Worte schienen das Zimmer noch zu
füllen, nachdem sie längst verklungen waren. --
 
O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte,
wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz
umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn
nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles
um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.
 
In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum
erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal
empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen
gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum
erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl,
beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker.
Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner
Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger
Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder,
die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe
Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe
gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen
wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es
anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine
runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich
im Gehirne bilden -- -- -- und dann war er wieder in der Wirklichkeit
und fühlte Elfriedes Körper.
 
Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach
noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien
mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele
stand. -- Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er
es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu
sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte:
Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? -- Jetzt?! fragte sie
verständnislos, mit großen Augen. -- Er schwieg wieder. -- Was soll nun
werden? fragte sie endlich tonlos. -- Ich reise ab. -- Das Blut lief ihr
zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier
bleiben.
 
Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm
zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach,
widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last
wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte,
und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe
verband. --
 
Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor
ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er
nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese
armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick
nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die
Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden
Druck.
 
Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für
einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen,
es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm
vorbei und verließ das Zimmer.
 
Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der
Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte
sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van
Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.
 
Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das
Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen
bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. -- Aber dann tat
sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die
Treppe hinauf. -- Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da
sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war,
sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett
gegangen; sie lasse niemand herein. -- Auch mich nicht? -- Nein. -- Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen.

댓글 없음: