2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 15

Pitt und Fox 15


Pitt wurde dies langweilig, er erhob sich und wollte gehen. Der Regen
hatte aber zugenommen und Frau Bornemann sagte: Nun werden Sie ja naß!
Lotte flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie murmelte dagegen: alte Andenken,
-- und so tief weggepackt -- verstand sich dann aber dazu, sie zu
suchen, und Pitt mußte versprechen, sie am nächsten Tag wiederzubringen.
Um drei! rief Lotte; und an der Tür sagte sie noch einmal leise und
dringlich: Punkt drei! Um diese Zeit -- so wußte sie -- war Fox nicht zu
Hause.
 
Wirklich war Pitt am nächsten Tage um die angegebene Zeit auf dem Wege.
 
Soll ich nun den Mantel einfach abgeben, und dann gleich wieder gehen?
So fragte er sich.
 
Die letzte Zeit, in der er Fox nicht mehr besuchte, hatte er kaum an
Lotte mehr gedacht. Aber seit gestern hatte er fortwährend an sie denken
müssen. Immer sah er sie vor sich, mit ihrer festen, etwas derben
Gestalt, mit ihren gesunden, frischen Backen und den blanken,
lebenslustigen schwarzen Augen. Nie hatte er ein Mädchen gesehen, das
ihm auf den allerersten Blick so sehr gefallen hatte.
 
Nach seiner Trennung von Elfriede hatte Pitt die erste Zeit sehr
zurückgezogen gelebt, fast ängstlich jede Bekanntschaft mit einem
Mädchen vermieden, da er sich vor einem neuen Schiffbruch fürchtete; bis
er schließlich den Zustand gänzlicher Zurückgezogenheit doch nicht mehr
ertrug und, wie die Schnecke, langsam seine Fühlhörner wieder
vorzustrecken begann. Aber seine Annäherungen blieben doch stets wie in
einer Ferne, und fühlte er gar eine Annäherung des anderen Teils, so
ergriff ihn sogleich wieder die erste Furcht, ja fast ein Schreck, er
zog sich augenblicks wieder in sein Häuschen zurück und lachte sich
selber aus: Liebe, so sagte er sich, ist etwas, das man nicht suchen
darf; sie muß kommen, ohne daß man sie sucht. Nun hatte er immer darauf
gewartet, daß sie von selber käme, aber sie kam nicht.
 
Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: Liebe ist etwas, das
im Blute liegt und zum andern will! Zum erstenmal fühlte er einen
starken Trieb in sich.
 
Mit äußerer Ironie und innerem Neide hatte Pitt auf seine Kameraden
gesehen, die ein ihm fremdes Leben führten. Waren sie nicht weit besser
dran als er selbst, der in jedem Sinn egoistisch nur für sich selber
lebte?! War es nicht Feigheit, Mangel an Selbstvertrauen, wenn er jetzt
auch nur der Möglichkeit eines Erlebens aus dem Wege gehen wollte? --
 
Unter diesen Erwägungen näherte er sich der Wohnung der Frau Bornemann.
 
Lotte öffnete, sah ihm frisch und freudig in die Augen und sagte: Ich
hatte schon gefürchtet, Sie kämen überhaupt nicht mehr, denn es ist
schon zwanzig Minuten nach drei! Wir wollen aber nicht in Ihres Bruders
Zimmer gehen, sondern in unser eigenes! Pitt war hiermit sehr zufrieden,
dachte aber: du lieber Gott! als ihm Frau Bornemann auch heute
entgegentrat; im ersten Momente sah er sie gar nicht, da ihre
unscheinbare Gestalt in dem braunen Kleide sich wenig von der ebenfalls
braunen Tapete abhob. Sie machte Pitt diesmal eine feierliche Reverenz,
die er ebenso erwiderte, ohne zu wissen, weshalb sie das beide täten. Er
hatte keine Lust, ähnliche Ansprachen zu erleben wie die gestrige, nahm
sich vor, sogleich wieder zu gehen, und Lotte an der Tür zu fragen, wann
er sie einmal allein sehen könne. Aber wie er nur das erste Wort davon
sagte, rief Lotte, das gehe nicht, sie habe sich so darauf gefreut, daß
sie ihm ihre Hefte zeigen würde! So ließ er sich mit einem innerlichen
Seufzer auf einen Stuhl nieder. -- Was mögen Sie am liebsten?
Französisch, Geographie? -- Aufsatz! sagte er, und dachte: da erfahre
ich wenigstens etwas über sie selber. Sie holte sogleich alle ihre
Hefte; er schlug das erste auf. -- Den nicht! sagte sie und blätterte
bis zum zweiten. Er las, sie sah ihm ab und zu über die Schulter, ob er
schon an die schöne Stelle käme, die ihr so besonders gut geglückt war.
Dann kam der nächste: Über die Erziehung der Jugend. Was für
abgedroschene Worte und Gedanken das alles waren! -- Sie glaubte etwas
wie Mißbehagen auf seinem Gesichte zu sehen, sagt selbst, alles sei
gräßlich, während sie alles eigentlich ganz in der Ordnung fand,
verteidigte sich auch gar nicht und rief bloß: Ich muß ja! Ich muß ja!
-- Er legte das Heft endlich beiseite, sie brachte sofort ein neues. Sie
wollte durchaus hören, was er über Iphigenie dachte und »Goethes
Stellung zum Christentum«. Auf diesen Aufsatz war sie wirklich stolz.
Sie hatte darunter die beste Note erhalten, und außerdem war alles
kalligraphisch musterhaft geschrieben. Er las ihn von Anfang bis zu
Ende, dann reichte er ihr das Heft mit einem stummen Blicke. -- Geist
und Ideen hatte dieses Mädchen nicht, das stand fest. Aber das schadete
ja gar nichts -- im Gegenteil: ein solches urwüchsiges, frisches,
einfaches Geschöpf und Aufsätze -- das paßte nicht zusammen. Und die
sollte in eine Schule eingesperrt werden? -- Lotte war etwas betrübt,
daß er gar nichts sagte. -- Hier ist noch ein Aufsatz, meinte sie aber
mit frischem Mute, der heißt einfach: Die Kuh. Den habe ich am
allerliebsten gemacht von allen, und immer wenn ich eine Kuh sehe, denke
ich: Ob das wohl die ist, von der ich das geschrieben habe? -- Pitt las
auch diesen Aufsatz, und ehe er etwas äußern konnte, ließ sich Frau
Bornemann, die mit Wohlgefallen zuhörte, wie ihre Enkelin sich
wissenschaftlich unterhielt, von ihrem Nähtisch aus vernehmen: Gegen
_den_ Aufsatz kann keiner was sagen, da fehlt auch kein Härchen vom
ganzen Fell! Nun quäle Herrn Sintrup aber auch nicht mehr! Doch Lotte
wollte jetzt durchaus, daß er auch ihre Geographiehefte ansähe. Sie
hatte bemerkt, daß es draußen regnete, und wünschte, der Regen möchte
inzwischen zunehmen, damit Pitt auch morgen einen Grund habe
wiederzukommen. Wirklich ging ein ganzer großer Guß nieder; als er fast
vorüber war, erhob sich Pitt, aber Lotte sagte: Es steht eine ganze Wand
am Himmel, Großmutter, er darf doch den Mantel noch einmal mitnehmen?
Frau Bornemann erlaubte es zögernd. -- Wenn es besseres Wetter wäre,
sagte Pitt an der Tür zu Lotte, hätte ich gedacht, ob Sie nicht ein
bißchen mitgingen. -- O Gott, dasselbe habe ich ja auch schon gedacht,
sagte sie erfreut; das Wetter macht mir gar nichts -- ich muß mir ja
sowieso neue Hefte kaufen, setzte sie hinzu und dachte: das kann ich ja
wirklich. In 10 Minuten komme ich! -- Sie begab sich ins Zimmer zurück,
setzte sich scheinbar an die Arbeit, behielt die Uhr genau im Auge und
brachte nach zehn Minuten ihr Anliegen vor. Großmutter suchte in ihrem
Portemonnaie, gab ihr ein Geldstück und sagte: von den zwanzig
Pfennigen, die übrigbleiben, darfst du dir ein Magenbrot kaufen, das
heißt: für fünf; die übrigen muß ich wieder haben! --
 
Pitt wartete unten. Sie schoß zur Tür hinaus und spähte, ob er noch da
sei; denn inzwischen war schon fast eine Viertelstunde verflossen. --
Ich muß mir die Hefte nun aber wirklich kaufen, dachte sie, denn sonst
wäre es eine Lüge gewesen, und ich lüge nie. -- Wo wohnen Sie denn
eigentlich? Pitt nannte die etwas entfernte Straße, und sie sagte, da
kaufe sie immer ihre Schulhefte. Sie fing noch einmal an von ihren
Aufsätzen zu sprechen und dann erzählte sie ihm, daß sie schon einmal
durchs Examen gefallen sei, nicht aus Dummheit, sondern aus Angst, daß
sie sonst Lehrerin werden müsse. Großmutter dürfe das nie erfahren, das
wäre entsetzlich. -- Auch Ihrem Bruder, fügte sie hinzu, würde ich das
nie erzählen; aber ich weiß nicht, zu Ihnen habe ich ein so großes
Zutrauen. -- Sie erreichten allmählich seine Straße; wirklich entdeckte
sie dort einen Schreibwarenladen, sagte zu Pitt, er möge draußen warten,
sie wäre im Augenblick wieder da, und blieb dann sehr lange drinnen.
Endlich erschien sie wieder, mit einem glücklichen Ausdruck in den
Augen: ich habe alles um fünf Pfennige billiger bekommen als in dem
eigentlichen Laden -- ich kaufe manchmal auch wo anders -- und nun darf
ich zehn Pfennige für Kuchen verwenden anstatt fünf! -- Ist eine
Konditorei hier in der Nähe? fragte Pitt. -- Konditorei? ich gehe immer
in Bäckerläden, da kriegt man mehr. -- Er wollte aber durchaus in eine
Konditorei. Sie zögerte erst, indem sie dachte, sie könne ihre zehn
Pfennige ausgiebiger anlegen, aber dann überwog die Freude, mit ihm
zusammen zu sitzen.
 
Nun standen sie vor dem ausgebreiteten Gebäck. -- Soll ich dies nehmen
oder das? flüsterte sie dicht an seiner Seite; wenn ich das linke nehme,
habe ich noch fünf Pfennige für eine Makrone. Sie zögerte; aber das
teuerere Stück hatte einen so festlichen kleinen Geleeaufputz, und das
nahm sie endlich. Als sie es gegessen hatte, sagte Pitt: Nun dürfen Sie
sich noch aussuchen was Sie wollen, ich schenke es Ihnen. Das hatte sie
nicht erwartet. Sie sah ihn erst halb ungläubig an, dann sprang sie auf
und kam mit einem leckeren, kleinen Törtchen zurück, das sie schon
vorher voll Verlangen angesehen hatte, ohne Hoffnung es jemals zu
besitzen. -- Aber das teilen wir! Und als er sich weigerte, erklärte
sie, dann äße sie überhaupt nichts davon, so daß er einwilligte. Sie
überreichte ihm seine Hälfte mit zwei Fingern, und streichelte mit den
übrigen drei halb aus Dankbarkeit, halb um einen Witz zu machen, über
seinen Handrücken hin. -- Gehen wir bald wieder in eine Konditorei?
fragte sie draußen, wurde aber sogleich rot und setzte hinzu, sie meine
nicht etwa, daß er sie wieder dazu einladen solle, im Gegenteil: das
nächstemal wollte _sie_ bezahlen, nicht des Geldes wegen, sondern weil
sie ihm für seine Freundlichkeit auch etwas Freundliches antun möchte.
Morgen? -- Aber ganz bestimmt! sagte er, und sie erklärte zum Schluß,
vor acht Tagen habe sie noch keine Ahnung gehabt, daß sie sobald einen
wirklichen Freund bekommen würde. Sagen Sie aber um Gottes willen Ihrem
Bruder nichts! Dann drückte sie ihm alle seine Finger und an der
nächsten Straßenecke prallte sie gegen einen Herrn, da sie sich immerzu
winkend zurückwandte. --
 
Sie trafen sich nun jeden Tag; Pitt wartete mit Ungeduld an irgendeiner
Straßenecke wohin sie sich verabredet hatten. Dann umfaßte sie wohl
seine ganze Hand und sagte: Wenn das nun Menschen wären, müßten sie sich
erst anziehen ehe sie sich so guten Tag sagten! und lachte. -- Ist das
nun Naivität oder Raffiniertheit? dachte er. Wenn er im gleichen Sinne
etwas antwortete, schien sie ihn nicht zu verstehen. Obgleich er sich
nie darin geübt hatte, besaß er doch eine Leichtigkeit, zweideutige
Dinge zu sagen, die sich bei einiger Konzentration der Gedanken bis ins
Virtuosenhafte zu steigern fähig war. Sie ging dann neben ihm her, zog
eifrig die Brauen im Nachdenken zusammen und fragte: Was heißt denn das,
was heißt denn das? Manchmal erschrak sie selber, wenn sie irgend etwas
sagte, das ihr vorher gar nicht recht klar gewesen war. Zuweilen meinte
sie auch nur: darf ich so etwas nicht sagen? Papa sagte manchmal noch
viel Ärgeres, o Gott, wenn ich das noch alles wüßte: Großmutter hielt
sich die Ohren zu und sagte: Aber Anton, denk doch an das Kind! --
 
Diese erste Zeit ihres Verkehrs war still und glücklich für Pitt, durch
ihre Aussicht auf die Zukunft. Jeder Tag fast brachte sie einander
näher. Aber dann begann eine Zeit des gänzlichen Stillstandes; alles
schien so bleiben zu wollen, wie es war. Für Lotte war damit der
Höhepunkt denkbaren Glückes erreicht. Pitt dagegen begann unruhig zu
werden, er wurde einsilbig und zerstreut, sein Blick ruhte länger in
ihren Augen, wenn sie sich trennten, er küßte sie heftiger als früher
und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Es war doch gar kein Grund zu
seufzen, den Abschied immer wieder um eine Minute hinauszuschieben, dann
nebeneinander herzugehen und doch nichts zu sagen! Für sie lag die
Zukunft vollkommen klar. Es galt ihr als ausgemacht, daß sie heimlich
verlobt seien, sie würden sich nach ein paar Jahren -- wenn er eine
Stellung hatte -- heiraten, bis dahin blieb sie Lehrerin, und
zwischendurch kamen wahrscheinlich romantische Prüfungen ihrer Liebe,
hervorgerufen durch die Tücken der Welt, die sie alle siegreich
überwinden würde. Bei seinen Küssen fühlte sie schon jetzt manchmal
einen leisen schönen Schauer, das kam daher, daß sie später eine ganze
Etage beziehen würden und niemand ihnen mehr etwas anhaben konnte, wenn
sie erst durch alle Fährnisse glücklich hindurchgegangen waren. -- Er
rang oft mit sich, aber niemals brachte er das Wort über die Lippen, das
den Gedanken aussprach, der ihn ganz erfüllte. Mehr und mehr ahnte er,
daß Lotte ein vollkommenes und reines Kind war. Dazwischen kamen wieder
Stunden, wo er sich töricht schalt und feige. Dann faßte er den festen
Entschluß: Morgen frage ich sie; und wirklich zwang er sich dazu; aber
er kam nicht über die Einleitung hinaus: Ich muß dich etwas fragen!
sagte er. Dann sah sie ihn so neugierig und unbefangen-erwartungsvoll
an, daß er sogleich stockte und schnell irgend etwas ganz
Bedeutungsloses erfand, das in ihren Augen aber sofort höchst
bedeutungsvoll erschien, da er eine so feierliche Einleitung gemacht
hatte. -- So blieben sie immer auf demselben Punkte stehen, er wurde
blaß und müde, in seine Augen trat ein ruheloser und oft ungeduldiger
Ausdruck. Sie ahnte von dem Grunde nichts; wenn er in der Konditorei
nicht aß, schob sie das auf seine Magenverstimmung -- er hatte es ja
selbst gesagt! -- und wenn er ihr kindliches Geschwätz zuweilen ungeduldig unterbrach mit den Worten:

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