2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 19

Pitt und Fox 19



Das Semester neigte seinem Ende zu. Sollte er später wiederkommen,
zusehen, wie Lotte mit Fox glücklich war? Eine starke Abneigung erfaßte
ihn gegen diese ganze Stadt, er mußte Lotte ein für allemal aufgeben, er
wollte sie nie, nie wieder sehen, sich auch jede Möglichkeit eines
Wiedersehens abschneiden. Er hatte eine unklare Vorstellung, daß sich in
jeder Stadt das wiederholen werde, was er an Elfriede und Lotte erlebt
hatte. Er hatte Angst davor. -- Aber war denn zwischen ihm und Elfriede
wirklich alles aus? Konnte nicht, wenn er sie wieder sah, alles anders
und schöner werden als es früher war? Würde er sie jetzt nicht mit ganz
neuen Augen ansehen? -- Es fiel ihm die Familie van Loo ein, und daß er
sich hier in ganz abenteuerliche Gedanken verirrte. Aber er konnte sich
Elfriede ja auch fern halten -- und nur, wenn er sie zufällig einmal sah
-- -- hiermit öffnete er seinen versperrten, drängenden Gedanken wieder
ein Hinterpförtchen. -- Was nützt nun alle Logik und alle Philosophie,
dachte er; vor den einfachsten Dingen im Leben hält sie nicht stand; ich
will etwas und will es nicht, und dann tue ich etwas, das nur Sinn hat
_wenn_ ich es will. --
 
Lotte wurde allmählich traurig. Sie sollte sich nun für ein paar Monate
von Fox trennen; er versprach ihr, für die Zeit der Trennung, oft zu
schreiben; daß er wiederkam war ausgemacht, und eigentlich
selbstverständlich. Zufällig erfuhr er von Pitts Plan, an seinen ersten
Studienort zurückzukehren. Er fragte nur: So? machte aber ein sehr
nachdenkliches Gesicht. --
 
Also leben Sie wohl! sagte die kleine Frau Bornemann, indem sie Fox, der
im steifen Hut und mit roten Glacéhandschuhen im Vorplatz stand und den
Dienstmann anwies, die Koffer in den Wagen zu bringen, beide Hände
drückte: Also leben Sie wohl, und nochmals Dank für alles was Sie an uns
getan haben, falls ich Sie nicht wiedersehen sollte! Das Leben ist wie
ein Fidibus, wie mein Mann-selig sagte, eigentlich weiß ich nicht recht,
was er damit gemeint hat, aber ich sage es nun auch manchmal, um sein
Andenken zu ehren. -- Aber Großmutter! rief Lotte, Herr Sintrup kommt
doch wieder, das ist doch ganz sicher, das ist doch ganz bestimmt!! --
Und sie sah Fox halb zuversichtlich, halb beschwörend an. Er bewegte,
beschwichtigend die Augen schließend, seinen Kopf zu einer
nachdrücklichen Bejahung auf und nieder und reichte beiden Damen noch
einmal die Hand. Lotte sah ihm fragend in die Augen: Hier durften sie
sich nicht küssen, das sah sie ein; aber wo sonst? meinte er, im
Treppenhaus? -- Ich begleite Sie hinunter! rief sie, aber Frau Bornemann
hielt sie zurück: Kind, sagte sie leise, man muß den Menschen auch nicht
den _Schein_ zu einem Vorwurf bieten!
 
Fox schritt schon abwärts; sie wollte sich losreißen, aber Frau
Bornemann hielt sie an der Schürze fest: Ich sage dir du bleibst! Sie
gab ihrer dünnen Stimme soviel Kraft als nötig war, und setzte hinzu: Du
Jungfer Unverstand und Übergescheit! -- Und grüßen Sie auch Ihren Herrn
Bruder! rief Lotte, halb verzweifelt. -- Jawohl, wird besorgt! tönte
Foxens Stimme von unten. -- Ich will ihm wenigstens nachsehen! rief
Lotte, und Frau Bornemann konnte es nicht verhindern, daß sie zum
Fenster lief. Aber bedächtig eilte sie hinterdrein, um ebenfalls mit
hinabzusehen: Die Großmutter neben der Enkelin. -- Foxens rote
Handschuhe bewegten sich grüßend und winkend im Gelenk. Und nicht einmal
geküßt hatten sie sich zum Abschied!
 
 
 
 
Fünftes Kapitel.
 
 
Ich hatte mir doch immer gedacht, Sie würden wiederkommen! sagte Herr
Könnecke; ein bißchen anders ist es ja nun geworden, meine Cousine hat
einiges umgestellt -- denn sie hat inzwischen natürlich drin gewohnt! --
Er entfernte unauffällig eine kleine Haarwolke vom Waschtisch.
 
Pitt hatte von vornherein nicht die Absicht gehabt wieder bei Fräulein
Nippe zu wohnen, der Anblick der Haarwolke bestärkte ihn in seinem
Vorsatz und er fragte: Wo ist denn mein großer Koffer? -- Hier! sagte
Herr Könnecke und deutete auf das »Angßangbel«, da steht er drunter! Und
er sah Pitt verblüfft an, als der sagte, er lasse ihn im Lauf des Tages
abholen, denn er wohne wo anders. Och nein! meinte er enttäuscht, fügte
aber nichts hinzu, da es nicht seine Sache war, sich den Menschen
aufzudrängen. Pitt ließ ihn grübelnd zurück, was wohl der Anlaß sein
könne, daß er nicht wiederkommen wolle. Zum Schluß sagte er noch, er
wolle ihm seinen Bruder schicken, von dem Herr Könnecke auch einen
höheren Preis verlangen könne, denn er habe viel mehr Geld als er
selber. Eine Mischung von Herrn Könnecke, Fräulein Nippe und Fox -- so
dachte er -- kann etwas ganz Lustiges ergeben, und empfahl Fox dieses
Zimmer mit großer Zungenfertigkeit. -- Er hat doch ein gutes Herz! sagte
Fräulein Nippe, der Zusammenhang ist doch so einfach! Als er hörte,
_ich_ wohnte in dem Zimmer, hat es ihm leid getan mich wieder daraus zu
vertreiben, das ist doch sonnenklar! -- Mach du nur die Stube recht in
Ordnung, denn wenn der Bruder kommt, so darf da nicht wieder so was
herumliegen! Herr Könnecke führte sie zu der Haarwolke, die er
aufbewahrt hatte, weil er dachte, sie habe sie vielleicht noch nötig.
Hat er das gesehen? fragte sie; und wenn auch! Daß das Haar echt ist,
hat er dann jedenfalls auch gesehen! So dunkles, dichtes Haar, und die
Farbe so kastanienbraun -- ich konstatiere nur! Manche Frauen gäben was
drum, wenn sie die Farbe hätten! --
 
Als Fox erschien, war das Zimmer peinlich sauber. Die Hände unter der
Brust zusammengelegt, die Knie etwas eingeknickt, stand Fräulein Nippe
da und sah verehrend zu ihm hinauf. Dieser stattliche junge Mann! Diese
regelmäßig-blühende Figur, dieser volle rosige Hals, und die Backen
lachten vor Wohlergehen! -- Kostet? -- Diese Präzision, diese fast
militärische Einfachheit! Sie nannte den Preis. -- Bon! -- Mieten wir?
fragte sie, kurz, aufmunternd, burschikos. -- Abgemacht. -- Träbong. --
Bien! verbesserte er, worauf sie militärisch grüßend die Hand an die
Schläfe führte. Sie verstand es schon mit jungen Leuten umzugehen! --
Mein Bruder ist ein Schafskopf. -- Sie erwartete, daß noch etwas folgen
werde, aber er war fertig; sie lächelte taktvoll-allgemein. Fox
verschwand wieder, im Lauf des Nachmittags kamen seine Koffer, und, wie
früher Lotte, weidete sich nun Fräulein Nippe an dem schönen Leder. Am
nächsten Tage, als er ausgegangen war, durchstöberte sie sein Zimmer, um
den neuen Herrn »etwas näher kennen zu lernen«. Gleich der Kasten zur
Nagelpflege zog ihre Aufmerksamkeit an. Bis in die Fingerspitzen hinein
soignierte sich dieser junge Mann! Auf dem Waschtisch standen
geschliffene Flakons mit wohlriechenden Essenzen, kleine Etuis mit
verschieden geformten Bürstchen, Büchschen mit Pomade und Pasten. Sie
roch an allem, befühlte die Stärke seiner Zahnbürste und polierte sich
endlich versuchsweise einen Nagel. Aber hatte er denn nichts anderes im
Zimmer, das sie wirklich »interessierte«? Die Laden waren sämtlich
verschlossen, aber halt! da lag was, ein Taschenbuch, das mußte er
vergessen haben. -- Es war doch vorsichtiger, vorher die Korridortür
abzuriegeln. -- Der tausend! Was für noble Bekanntschaften! Lauter
Barone und Adlige! Weiter: Eine unbenützte Rennkarte; ein kleines
Notizbuch. Das mußte interessant sein! Überschrift: Eindrücke aus
Bilderausstellungen. Was aber darin stand, konnte sie beim besten Willen
nicht entziffern. Es hatte wohl Ähnlichkeit mit Buchstaben und Worten,
aber nur eine ganz entfernte; so etwa wie man sich denkt, daß
Schauspieler auf der Bühne schreiben, wenn es das Stück erfordert. Was
mochte das wohl bedeuten? Achtungsvoll schob sie das Büchlein wieder an
seinen Platz. Da, endlich! Ein Brief! Sie merkte sich genau die Art, wie
er zwischen die übrigen Sachen hineingesteckt war, dann nahm sie ihn
heraus: Geliebter Fox! Das Schicksal hat uns für einige Zeit getrennt
.... o das war ja interessant, das übertraf alle ihre Erwartungen!
Gleich sah sie nach der Unterschrift: Deine treue Lotte. Und ein
Herzchen war dahinter gemalt, etwas schief, mit Tinte. Darin stand ein
Monogramm aus L und F. Trennung und Wiedersehen, Wiedersehen und
Trennung wiederholten sich durch alle vier Seiten hindurch. Und am
Schluß hieß es: Nun habe ich dir so furchtbar viel geschrieben, daß es
inzwischen Nacht geworden ist. Dann kam noch einmal der Trost, daß sie
ihn ja nun bald wiedersehen werde, wenn er in das Semester zurückkehre.
-- Fräulein Nippe sah nach dem Wohnort. -- Ob die wohl inzwischen
erfahren hatte, daß Fox wo anders hingegangen war? Und weshalb war er
wohl nicht zurückgegangen? --
 
Ich verstehe absolut nicht, sagte Fox zu Pitt, weswegen du nicht wieder
in die Wohnung wolltest; anfangs dachte ich: Sie hat einen Haken, den
mir mein lieber Bruder verschweigt; aber bis jetzt habe ich keinen
gefunden. Die Wohnung ist tadellos, das Ameublement direkt so, daß es
bei uns zu Hause im Salon stehen könnte! Und die Leute sind doch
wirklich reizend! Dieses Fräulein Nippe hat ein Benehmen, das man
geradezu als kavaliermäßig bezeichnen muß! Schön ist sie nicht, das gebe
ich zu, aber da ist auch kein Wort zu viel an dem, was sie sagt, jedes
sitzt bei der am rechten Fleck. Und dann hat sie überall einen direkt
weiten Standpunkt! Vor meinen Augen hat sie die Waschschüssel, weil eine
Stelle abgestoßen war, aus dem Fenster in den Hof geworfen, und als ich
meinte, das könne ihr doch Unannehmlichkeiten bringen, sagte sie, die
Menschen führten ein solches Philisterleben, daß ihnen ein kleiner Krach
und Schreck ganz heilsam in die Glieder fahren würde. Ich finde da alles
mögliche, so eine Urwüchsigkeit und Frische, und so ein sorgloses
Umspringen mit dem Gelde, -- denn gut geht's der Person nicht, das merkt
man. Und dann diese heitere Ruhe unter ihrer äußern Lebhaftigkeit! Da
sieht man wieder: Das Leben selbst ist die beste Erziehung für die
Menschen, -- wenn nämlich die Menschen sich vom Leben erziehen lassen!
Der Könnecke allerdings gefällt mir weniger, der hat ein bißchen was
Vulgäres, aber alles in allem: Man muß ihn gelten lassen, wenn man sich
einmal auf das Niveau dieser Sorte Menschen stellt! --
 
Seinem Plan gemäß warf Fox sich dies Semester auf die Schauspielkunst.
Er wollte Stunden nehmen, und bereitete sich autodidaktisch auf sie vor.
Eines Morgens dachte Fräulein Nippe, ihr Heim sei der Schauplatz einer
jener Tragödien, wie sie sie bisher nur aus dem »Vermischten« ihres
Zeitungsblättchens kannte. Leidenschaftliche Ausrufe, Drohungen wurden
da ausgestoßen; helfend, sich selbst preisgebend stürzte sie ins Zimmer,
im Geiste schon von einem »schuldlosen Opfer einer entsetzlichen
Katastrophe« in dem »Vermischten« lesend, aber Fox versicherte ihr
höflich, er rezitiere nur.
 
Nächstes Jahr wird gesungen, sagte Fox zu Pitt; jeder Mensch hat eine
Stimme, es kommt lediglich auf die Ausbildung an. Übrigens habe ich da
einen niedlichen Aufsatz über das neue Lustspiel geschrieben, das letzte
Woche aufgeführt wurde, du darfst ihn mal durchlesen, wenn du willst,
ich möchte gerne hören, was du über die Episode denkst, wo ich über das
antike Lustspiel rede und es mit dem modernen vergleiche. Ich habe mir
da mit Büchern durchhelfen müssen, und möchte gerne wissen, ob man das
sehr merkt! Schließlich, wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir ja
doch gestehen, daß uns in unserm inneren Gefühl herzlich wenig mit der
Antike verbindet, die Gelehrten mögen sagen was sie wollen. Der
Tieferblickende kann darüber nicht im Zweifel sein. Wir sind andere
Menschen, mit anderm Gefühl, heutzutage. Das gilt nicht nur vom antiken
Lustspiel, von der antiken Tragödie, das gilt auch von allen übrigen
klassischen Kunstäußerungen. Prüfe doch mal ein jeder, wenn er vor einer
griechischen Plastik steht, sein Herz, ob er irgend etwas empfindet,
Wirkliches empfindet! Ob er sich nicht vielmehr schöngeistige Phrasen
vormacht, und warum vormacht? weil die ganze Welt sie sich vormacht, vor
der man sich nicht blamieren möchte! Die Form ist ja da, aber es ist
eben auch nichts als Form, das geistige Element fehlt, und ohne das ist
für einen modernen Menschen eine Kunst undenkbar; wenn dann diese Form
gar noch in eine Formenspielerei ausartet, wie in den späteren Perioden
und schließlich im Barockzeitalter, dann geht die Kunst überhaupt in die
Binsen! Zurück zur Natur! Das möchte ich allen zurufen, die einem mit
ihrem Phrasengeklingel in den Ohren liegen! Von dem was ich eben sagte,
findet sich schon eine Andeutung in meinem Aufsatz; der Verstehende wird
mehr heraushören als eigentlich drinsteht. Es juckt mich wahrhaftig, das
mal in eine klare Form zu bringen! -- Pitt bekam nun wieder öfter
Aufsätze von ihm zu lesen, und Fox hoffte auf eine allmähliche Verbreitung seiner »im tiefen Sinne« populären Ideen.

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