Pitt und Fox 18
Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit
widerstandslos geworden, sie glaubte Fox tötlich zu beleidigen, roh und
undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen ließ,
und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam
noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die
Liebe gar nicht kannte und »schnöde mit ihr gespielt habe«. -- Und das,
worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox
mit einer Leichtigkeit, über die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne
die geringste Vorstellung ließ sie sich von ihm leiten, wohin er wollte.
Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr
Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte
sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, daß Fox
verblüfft, verdutzt war, daß er sich dies nicht zusammenreimen konnte
mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, daß sie nichts, gar
nichts wisse, daß sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch
gestanden haben konnte, daß sie ein reines, unberührtes Kind war. -- Ach
du großer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewußt -- wenn
ich das gewußt hätte -- -- aber sie flüsterte: Sage doch jetzt so etwas
nicht -- und bedeckte die Augen mit beiden Händen.
Diese Entdeckung ließ ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz
andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall
gekommen, den er seinem Bruder irrtümlicherweise vorwarf, aber hierüber
half ihm die Erwägung hinweg, daß -- wie er sich schon vorher sagte --
ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im übrigen kam er
sich nun seinem Bruder vollkommen überlegen vor, ja triumphierend über
ihn. Daß er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmähte -- diese
Vorstellung lag vollkommen außer seinem Gesichtskreise; er hielt sich
nur an die Tatsache, daß er dieses Mädchen hatte und daß Pitt es nicht
gehabt habe.
Lotte überstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne große
Erschütterungen. Sie wunderte sich nur, daß alles so schön sei und gar
nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es
ihr früher hatten erscheinen lassen. -- Wußtest du denn wirklich nichts,
gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schüttelte den Kopf: Großmutter hat
mir nur einmal den Faust erzählt. -- Kennt denn den deine Großmutter? --
Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie weiß was drin vorkommt. Und
dann sprach sie immer so, daß ich Angst bekam, von Höllenpfuhl und
Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen
betrunkenen Esel mit hölzernen Beinen, ich weiß selber nicht warum. --
Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrängte diese Gedanken, aus
Pflichtgefühl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu
mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewußt hat?! -- Sie wurde nun
wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit
Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. -- Da bin ich mit Pitt auch
immer gewesen! gab sie als Erklärung an. Aber darauf ließ er sich nicht
ein. Das wäre außerdem wie eine Nachahmung gewesen! --
Nur mit Großmutter zusammen unternehmen wir etwas! -- Und Großmutter
ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie hätte nie gedacht,
daß sie noch zu einem solchen Glücke kommen würde. Manchmal meinte sie,
es würde doch ein bißchen teuer, aber Fox sagte, darüber brauche sie
sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater käme es nicht drauf an
monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere überhaupt kein
Wort darüber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, --
worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaßten mit dem Kopf zu
nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe
hat zu kaufen, der muß auf bloßen Socken laufen. --
Frau Bornemann merkte von der neuen Veränderung nicht das geringste. In
ihrer Gegenwart nahm sich Lotte sehr zusammen, und Fox kostete es keine
besondere Mühe, sich zusammen zu nehmen, da sein Benehmen gegen Lotte,
auch wenn sie allein waren, keine große Zärtlichkeit verriet, wenngleich
es immer wohlwollend und freundschaftlich blieb. Zuweilen, wenn sie alle
drei in der guten Stube saßen und Frau Bornemann einmal aufstand um ihre
Brille zu holen, oder eine Näharbeit, spitzte Lotte die Lippen zu ihm
herüber, oder sie erwischte auch seine Hand und drückte einen schnellen
Kuß darauf, war dann aber gar nicht böse, wenn ihr sein Handrücken etwas
derbe gegen die Lippen schlug, während sie ein schulmeisterlicher Blick
aus seinen Augen traf und sein Körper götzenhaft und unbeweglich blieb.
Fox hatte soviel Selbsterziehung!
So lebten sie wochenlang zusammen, und dies Zusammenleben erhielt durch
Fox eine Regel, einen Modus. Er setzte Lotte, die das nicht begriff und
dumm fand, auseinander, daß das Leben solcher Regeln bedürfe, daß sie
beide ihre Arbeiten viel besser erledigten, wenn sie ihr gemeinsames
Wochenprogramm hätten, das ein für allemal feststände und nach dem sich
jeder richte; für ihn selbst sei dies nicht einmal so wichtig, für sie
jedoch geradezu unentbehrlich. Sie sei eine haltlose Natur, die Regel
und Einteilung nötig habe. -- Ihr kam das so ledern und ausgedacht vor,
aber in der Folge fand sie wirklich, daß er recht habe. Sie erledigte
ihre Tagesgeschäfte nun mit viel mehr Ruhe, ja, die Lust zur Arbeit
kehrte ihr zurück. Sie konnte wieder länger still sitzen, sie sprang
nicht mehr plötzlich von ihren Büchern auf, ohne zu wissen warum, so wie
früher, als sie noch mit Pitt zusammen war. --
Sie fragte Fox zuweilen nach seinen Zukunftsplänen. Er ließ bedeutende
Hintergründe vor ihr aufsteigen, setzte ihr auseinander, daß theoretisch
nichts im Wege stände, daß er einmal Minister werde -- er entwickelte
ihr die Stufenleiter ganz einfach und plausibel -- und dann schwieg sie
andachtsvoll und drückte nur ganz leise seine Hand, indem sie das Gold
der Zukunft auch über sich selbst dahinrauschen fühlte. Aber niemals
sprach sie ein Wort darüber aus; das wäre ihr fast taktlos und roh
erschienen; es war ja selbstverständlich, daß sie sein Glück teilte, daß
er sie später heiratete. Freilich dauerte das lange, aber sie konnten ja
warten, und bis dahin war und blieb sie Lehrerin. Der Gedanke erschien
ihr gar nicht mehr so schlimm wie früher, im Gegenteil, sie wollte recht
fest arbeiten, um später nicht eine dumme Frau zu sein, sondern eine,
die sich, wenn auch bescheiden, an seiner Seite sehen lassen dürfte. Er
bestärkte sie in ihren Plänen, den Beruf betreffend, und sagte, es sei
für sie dringend notwendig, daß sie etwas Festes habe, woran sie sich
halten könne; ein gebildetes Mädchen mit einem Beruf sei in der Welt
viel angesehener als eines, das nur gelernt habe zu kochen und Strümpfe
zu stopfen: Näh mir doch mal einen Schlips! -- Sie war glücklich etwas
für ihn tun zu können, suchte mit ihm zusammen den Stoff aus, nähte ihn
so schön und kunstvoll wie sie vermochte, und eines Tages konnte Fox im
Kreise seiner Bekannten erklären: Hat mir meine Kleine gemacht! -- So
hatte er einmal einen jungen Architekten reden hören, was ihm großen
Eindruck machte.
Fox war mit seinem Leben sehr zufrieden. Die staatlichen Einrichtungen,
von denen er früher zu Pitt gesprochen, hatte er selber geprüft, aber
jetzt fand er doch, daß dabei, wie er es ausdrückte, die Seele
eigentlich nicht auf ihre Rechnung gekommen wäre. Und doch machte er
sich zuweilen Sorge um die Zukunft, da er sehr wohl fühlte, wie stark
Lotte auf ihn baute. Sollte er diese Gefühle immer fester werden lassen?
War es nicht seine Pflicht, Lotte allmählich auf sich selbst zu stellen,
nachdem er sie für ihren Beruf gefestigt und gestärkt hatte?
Lotte ahnte von diesen Gedanken nicht das geringste; ihre Liebe machte
kleine Enttäuschungen durch, ihre starke Gläubigkeit ließ sie alle
überwinden. Manchmal störte Fox das Wochenprogramm, überging die
Festtage, kam gar nicht heim, ließ sie vergeblich warten. Auch entdeckte
sie eines Tages in seinem Schreibtisch die Kabinettphotographie einer
feurigen, junonischen Dame, und mit blauer Tinte und etwas zügelloser
Schrift standen die Worte darunter: Ihrem Fox, Adelaide. Diese
Photographie hatte er früher einmal, als er Lotte noch nicht so nah
kannte, selbst gekauft und die Worte eigenhändig, mit verstellter
Handschrift, darunter geschrieben; er hielt sie verschlossen und hatte
sie nur aufgestellt wenn Freunde kamen, und damit erreicht was er
wollte: Denn bald war es herumgekommen, daß er eine pompöse Geliebte
besitze. -- Lotte beunruhigte es sehr als sie sie erblickte. Als er
heimkam, fragte sie ihn sogleich, ob er die Dame einmal geliebt habe:
Neinnein, kein Bein, neinnein, kein Bein! sagte Fox; gewünscht hätte sie
es wohl, aber ich habe nicht gewollt -- einfach nicht gewollt! -- Lotte
war nun noch viel glücklicher, daß er ihr gehöre; sie mußte doch wohl
etwas wert sein, denn diese Dame war doch so wunderschön, und so stolz!
-- Schreibt sie dir noch manchmal? -- Alles verbeten! -- Zeig mir doch
mal einen Brief von ihr! -- Alles verbrannt! -- Sie fand das schade. --
Aber weshalb hast du sie denn noch immer in deinem Schreibtisch? fragte
sie, da sie das Bild doch gern entfernt hätte. -- Du hast eigentlich
recht! meinte er nach einem kurzen Nachdenken; wenn du willst, kannst du
sie kriegen, mir liegt absolut nichts an ihr, absolut nichts; da!! --
Lotte nahm sie mit vielem Dank und stellte sie auf ihren eigenen kleinen
Arbeitstisch. Aber die Worte: »Ihrem Fox« radierte sie aus, und ließ nur
»Adelaide« stehen.
Fox gewann es auf die Dauer nicht über sich, Pitt gegenüber sein
Verhältnis zu Lotte zu verschweigen.
Ja, sagte er einmal zu ihm, indem er nachdenklich die Asche seiner
Zigarre abstreifte, man kommt manchmal zu Dingen, ohne zu wissen wie.
Diese Lotte! Du hast sie ja damals nicht haben können, -- ich dachte
früher, die Dinge lägen ganz anders; ich hätte mir meine Rede sparen
können. Jetzt sehe ich ja, daß ich mich getäuscht hatte: ich wußte
nicht, daß sie _mich_ eigentlich liebte und dich deshalb zurückwies, bis
sie mir dann so was Ähnliches gesagt hat -- na, und da war es schon zu
spät; ich konnte nicht mehr zurück ohne sie tötlich zu verletzen, --
ohne sie direkt tötlich zu verletzen. Ich mag sie übrigens sehr gern;
kann absolut nicht klagen. --
Pitt hatte eine ähnliche Wendung der Dinge schon seit langem geahnt,
jetzt lief ihm aber doch das Blut zu Herzen. Unbeweglich hörte er zu und
faßte den eigentlichen Sinn von Foxens näheren Erörterungen erst
allmählich; dann sah er ihn nachdenklich an. Diese Drehung der Tatsachen
erstaunte ihn. Möglich, daß Lotte sie nachträglich so entstellt hatte,
das war nur menschlich, obgleich es ihm zu ihrem Wesen nicht zu passen
schien; in diesem Falle hatte er zu schweigen, um sie zu schonen;
möglich auch, daß das Ganze nur eine Lügerei von seinem Bruder war, um
sich ihm gegenüber in eine höhere Position zu setzen. Dann hatte er
ebenfalls zu schweigen, da es sich ja gar nicht der Mühe lohnte, die
Wahrheit zu konstatieren, die Fox ebenso bekannt war wie ihm selbst. --
Du hältst mich nun wohl für charakterlos und inkonsequent? fragte Fox.
-- O nein, ich finde du hast ganz recht, ich hätte es wahrscheinlich
ebenso gemacht wie du. -- Wenn du gekonnt hättest!! sagte Fox, und in
dieser Antwort genoß er im Extrakt den ganzen Triumph, der ihm zuvor
durch Pitts Gleichmut verdünnt worden war. -- Auch hierauf antwortete
Pitt nichts, obgleich ihm für einen Augenblick ein Wort auf der Zunge zu
schweben schien. Die Genugtuung, mit der Fox das letzte sprach, klang so
echt, so unangreiflich, daß Pitt unwillkürlich dachte, es sei nun doch
nicht anders möglich, als daß Lotte ihm gegenüber die Sache auf eine
nicht schöne Weise verdreht habe; aber dieses stimmte so ganz und gar
nicht zu Lottes Wesen. -- Es blieb ihm nichts anderes übrig als
anzunehmen, daß Fox sich in seine Lügerei so sehr hineingeredet habe,
daß er sie schließlich selber glaubte und für Wahrheit nahm.
Eine große Niedergeschlagenheit kam die nächsten Tage langsam über Pitt.
Die Entfernung hatte ihn allmählich alles vergessen lassen, was ihm an
Lotte langweilig und irritierend war, nur das Schöne, Liebenswerte war
in seiner Erinnerung geblieben, und hatte sich, abgesondert von allem
andern, verstärkt in seiner Vorstellung. Daß er sich gewaltsam von ihr
loslöste, kam ihm sinnlos, ja wahnsinnig vor, er begriff sich nicht, wie
er mit vollem Vorsatz und Bewußtsein etwas von sich schleudern konnte,
das ihn mit Glück und Wärme füllte; -- so stellte sich jetzt die
Erinnerung in ihm dar; alles Korrigieren dieses Gefühles mit dem
Verstande half nichts dagegen. Nun war es zu spät! Und doch wieder
fühlte er deutlich, daß, wenn alles ungeschehen wäre, er immer wieder so
handeln würde wie er gehandelt hatte. Dieser Zwiespalt seines Gefühles
machte ihn ruhelos, selbstquälerische Gedanken stiegen in ihm auf, er wußte nicht mehr, was er von sich selber denken sollte.
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