Pitt und Fox 22
Seine Aussichten auf die große Karriere standen ihr wieder vor dem
Gedächtnis, die durfte sie nicht stören; sie mußte ein vernünftiges
Mädchen sein, das ihrem Geliebten die Wege ebnete, oder, da sie nur ein
unbedeutendes und aller Mittel und Verbindungen bares Wesen war,
bescheiden zuwarten und ihm wenigstens die Wege nicht noch schwieriger
machen als sie ohnehin schon waren. Dazwischen begann sich zuweilen
leise die Frage einzuschleichen, ob Fox sie wohl wirklich so liebe, daß
er sie später heiraten werde. Dann schalt sie sich aber sogleich töricht
und sogar undankbar gegen seine Liebe, daß sie an ihr zu zweifeln wage.
-- Großmutter meinte, sie arbeite zu viel, sie solle weniger arbeiten;
sie sei nervös. Unruhig, matt, gereizt wurde Lotte, und doch fühlte sie
sich nicht eigentlich krank. Aber was _war_ das nur? Was _hatte_ sie
nur? Frau Bornemann meinte eines Tages lächelnd: Es ist ja fast als ob
du guter Hoffnung wärst; das heißt ich versündige mich mit solchen
Reden! -- Wie ist denn das? wollte Lotte gerade neugierig fragen, aber
sie fing den Satz gar nicht an -- denn auf einmal war es, als bliebe ihr
das Herz stehen vor einem plötzlichen, eisigen Schreck.
Ihr erstes Gefühl war so fürchterlich, daß ihr leise schwindelte; dann
dachte sie: dies ist ja nicht möglich, ich stehe ja noch hier und lebe.
-- Und nun begann eine Zeit des Grausens, des Zweifels, der
vollkommensten Rat- und Hilflosigkeit, der fürchterlichsten Furcht vor
dem Unsichtbaren, von dem sie nicht wußte: war es in ihr oder war es
nicht in ihr. -- Jetzt schlich sie sich, so oft sie konnte, in Foxens
früheres Zimmer, wenn der neue Mieter abwesend war. Angstvoll saß sie
bald über diesen, bald über jenen Band des Konversationslexikons
gebeugt. Alle Zeichen stimmten! -- Und doch, trotz allem: Es konnte, es
konnte ja nicht möglich sein! Dies war so entsetzlich, daß es nicht
möglich sein konnte! Sie geriet wieder in Zweifel, alles erschien ihr
für Momente wie ein furchtbarer Traum, aus dem sie schon halb erwacht
war; sie schalt sich kindisch, sie suchte über ihre Angst zu lachen, und
doch stand schon von neuem das Grauen über ihr, um sie im nächsten
Augenblicke anzufallen. Und endlich konnte gar kein Zweifel mehr
bestehen. Jetzt schrieb sie jene Briefe an Fox, daß sie sich das Leben
nehmen werde, wenn er sie verließe. Und schließlich hatte sie nur noch
den einen Gedanken: Fortgehen, zu Fox gehen; Großmutter darf nichts
erfahren. Fox mußte Rat schaffen, er hatte dazu die Verpflichtung. Und
sie baute fest auf ihn wie auf einen Fels; er war doch viel klüger als
sie, er hatte doch dies alles kommen sehen, er mußte ja alles eigentlich
schon wissen! --
Sie müsse fort, sagte sie zu Frau Bornemann, sie halte ihren Zustand
nicht mehr aus, sie sei überarbeitet, sie müsse sich erholen, sonst
reibe sie sich vollends auf. Und da sie die letzten Monate, um über die
Trennung mit Fox hinwegzukommen, wirklich über das Maß gearbeitet hatte,
so glaubte ihr Frau Bornemann aufs Wort. Glücklicherweise sprach sie
nicht davon, den Arzt kommen zu lassen; sie war der Meinung, alle Ärzte
seien doch nur unwissende Schurken, und hatte dafür viele Beweise aus
ihrem langen Leben. So kramte sie denn nur in ihrer Hausapotheke, gab
ihr bald dieses bald jenes harmlose Mittelchen und kochte ihr
Kräutertees. Lotte aß und trank alles, nicht ganz in der Hoffnung es
könne helfen, aber doch um wenigstens alles zu tun was ihr geboten
wurde. Wie glücklich erwies es sich jetzt, daß sie in so sehr
bescheidenen Verhältnissen lebten! Frau Bornemann klagte, daß sie sie
nicht begleiten könne, es gehe aber beim besten Willen nicht, und sie
müsse doch schon des Zimmerherrn wegen am Orte bleiben. Lotte sagte, sie
solle dann auch ja für die Zeit ihres Fernseins ihr eigenes Zimmerchen,
das dann leer stünde, vermieten. -- Na, so lange bleibst du nun
hoffentlich nicht fort! meinte Frau Bornemann bedächtig, und Lotte
sagte: Nein, so lange bleibe ich wohl nicht fort -- und hatte keine
Ahnung, wie lange sie nun fernbleiben müsse. -- Sie ging zum Atlas, und
suchte Städte auf, die ungefähr ebensoweit von ihrem Wohnort entfernt
lagen wie Foxens Aufenthalt -- des Billettpreises wegen. Dann nannte sie
eine kleine Stadt, fast einen Marktflecken. Dort wohne eine Freundin von
ihr, mit der sie auf der Schule gewesen sei, bei der könne sie umsonst
wohnen, sie habe sie schon öfter eingeladen, sie werde sich furchtbar
freuen wenn sie käme. Dorthin wolle sie reisen, es sei da die
herrlichste Landluft. Frau Bornemann freute sich hierüber; sie ging auf
alles ein, sie war von einer Ahnungslosigkeit, daß Lotte sich ganz
schlecht gegen sie vorkam.
Sie schrieb noch einen Brief an Fox, sie habe ihm etwas mitzuteilen, was
sie ihm nur mündlich sagen könne, und nannte den Zug, mit dem sie am
nächsten Tage eintreffen werde. -- Gerade als sie abreiste, zog nun doch
ein neuer Mieter in ihr Zimmerchen, Frau Bornemann lobte Gott, der sich
ihr so sichtbar gütig erweise.
Fräulein Nippe überreichte jenen Brief Fox persönlich, und las ihn
hinterher an seinem Schreibtisch. Also nun ist es wirklich entschieden!
dachte sie; das arme Mädchen! und der arme junge Mensch! So jung, und
durch solche Bande gekettet. --
Fox war diesen ganzen Vormittag nicht zu Hause. Fräulein Nippe verfolgte
alle Stadien des Wiedersehens: Jetzt läuft der Zug ein! dachte sie, auf
die Uhr sehend; und sah die beiden jungen Leute sich im Geist umarmen.
-- Jetzt sind sie wohl schon im Wagen. -- Ob er sie wohl gleich hierher
bringt? -- Mehrmals ging sie ans Fenster, um hinabzusehen, wenn eine
Droschke nahte. Aber keine hielt vor ihrem Hause. -- Endlich läutete es.
Geschwind lief sie zur Tür:
Ein dunkeläugiges, einfach gekleidetes Mädchen stand da allein. Sie
erkannte sie sofort. -- Ist Herr Sintrup zu Hause? fragte sie halblaut
und etwas stockend. -- Ja hat er Sie denn nicht abgeholt? sagte Fräulein
Nippe erstaunt. Lotte war durch all die Aufregung, durch ihre
Enttäuschung am Bahnhof, durch die Erregung des Augenblicks, jetzt dicht
vor dem Wiedersehen, so hingenommen, daß sie nicht einmal darüber
verwundert war, daß diese fremde Dame Bescheid wußte. Sie schüttelte nur
den Kopf und zwang ihre Tränen zurück. Aber sie sagte, sie wolle nun
hier auf ihn warten. Fräulein Nippe setzte ihr sogleich ein Gläschen von
dem stärkenden Wein vor, den ihr Herr Könnecke zum Geburtstag geschenkt
hatte. Ihr Herz trieb sie, dieses arme Mädchen zu streicheln und zu
trösten, aber es fiel ihr ein, daß ihr ja hierzu jede Motivierung fehle.
Sie durfte offiziell von nichts wissen. Lotte fühlte aber doch ihre
Wärme durch, und dachte, sie selber lasse sich zu sehr gehen. Das
allerschlimmste war ja auch vorläufig überstanden, sie war glücklich von
zu Hause fortgekommen, fühlte etwas wie vorläufiges Ausruhen in sich --
und dann, dann mußte Fox dafür sorgen wie es weiter gehen würde.
Zu Mittag erschien Fräulein Nippe, die sich diskret zurückgezogen hatte,
wieder, und setzte ihr etwas zu essen vor. Noch immer saß das Mädchen
ganz genau so da, wie sie sie verlassen hatte! -- Lotte wollte zuerst
nichts nehmen, aber Fräulein Nippe redete so herzlich, daß sie
verstummte und sie nur dankbar anblickte.
Wieder verging eine Zeit, da erschien Fox endlich. Er hatte Lotte
strafen wollen für ihre unüberlegte, zwecklose Reise, über die er sich
nur ärgerte, um so mehr, als er sie nicht verhindern konnte, da ihr
Brief erst am Morgen eingetroffen war. -- Diese Mädchen lassen sich doch
immer von ihrem Gefühle leiten und setzen den Verstand beiseite! Was um
Gottes willen wollte sie ihm sagen, was sie ihm nicht schon tausendmal
gesagt hatte! --
Wie hatte sich Lotte dieses Wiedersehen ausgemalt! Und nun war alles
anders. Sie fühlte kaum den Mut auf ihn zuzugehen. Na? sagte er, nachdem
er die Tür geschlossen hatte, du darfst mir schon noch einen Kuß geben!
-- Sie überwand das Gefühl der Kühle, das sie bei seinen Worten empfand,
und legte beide Arme um ihn. -- Ist ja nicht so schlimm! meinte er
tröstend, weine doch nicht, das hat doch gar keinen Zweck! Du stellst
dir alles viel zu schwer vor. In einem halben Jahr wirst du wieder ganz
lustig sein. -- Also du hast es doch erraten! sagte sie leise, dann
brauche ich es dir nicht erst zu sagen. -- Erraten? fragte Fox, da ist
doch gar nichts zu erraten; ist doch alles klipp und klar! -- Ihr taten
diese Worte wehe; aber sie bezwang sich und wiederholte: Dann brauche
ich es dir nicht erst zu sagen. -- Aber ich bitte dich: Wozu denn diese
Feierlichkeit?! Und dann möchte ich dich doch fragen: Bist du wirklich
extra hergereist, um mir zu sagen, was ich doch längst weiß: daß du --
daß ich -- also ich meine: daß wir uns lieben? so fragte er in einem
beinah konstatierenden Ton; das ist doch wirklich kindisch von dir,
einfach kindisch! -- Also weißt du es doch nicht! sagte sie und löste
sich etwas aus seinem Arm und sah ihn staunend an. -- Nee, was anderes
weiß ich nicht! antwortete er mit einem plötzlich unbehaglichen Gefühl,
da sei etwas, das ihm unangenehm werden könne. -- Ist deine Großmutter
tot? -- Sie schüttelte den Kopf. -- Oder -- habt ihr euer Geld verloren?
Das wäre, dachte er, wirklich fatal. -- Sie schüttelte wieder den Kopf,
und dann flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr. -- Er fuhr zurück und
sah sie mit großen Augen und offenem Munde an. Daran hatte er allerdings
niemals auch nur im entferntesten gedacht. Wie konnte das denn außerdem
möglich sein! -- Ist ja nicht wahr! sagte er endlich, mit der
Ungläubigkeit, womit ein junger Mann eine solche Tatsache, die seinem
eigenen Erleben so fremd ist, aus dem Munde seiner Geliebten, wenn sie
seine erste Geliebte ist, entgegennimmt. Aber nun brach sie in Tränen
aus und beteuerte, daß es wahr und wahrhaftig sei. Er umfaßte ihre Figur
mit einem Blicke und sagte dann: Wirklich? Nach einer Pause fügte er
hinzu: Ja, dann reise nur bald nach Hause, -- zu Hause hat man es ja
doch immer am besten. -- O nein, Großmutter darf nie etwas davon
erfahren, Großmutter weiß gar nichts, sie würde mich ja verfluchen! --
Unsinn, Großmütter verfluchen nie. Deine Großmutter wird höchstens ein
paar Stunden weinen, und dann ergibt sie sich ins Unabänderliche. --
Aber Lotte sagte, eher ginge sie ins Wasser als nach Hause. -- Aber
wohin willst du _dann_ gehen? -- Das weiß ich ja nicht, das mußt du mir
sagen, deshalb bin ich doch hergekommen! -- Er bestand darauf, daß sie
zu ihrer Großmutter zurückginge, und das Blut lief ihm zu Herzen, als
sie sagte: Nein, ich will immer bei dir bleiben! -- Das geht noch viel
weniger, du kannst mir doch nicht immer nachziehen, mal hierhin mal
dahin! Nächstes Jahr zum Beispiel mache ich eine Weltreise! -- Da könnte
ich doch mit! sagte sie, ganz verzweifelt. Hätte er gesagt, er gehe an
den Nordpol, so würde sie auch gesagt haben: Da könnte ich doch mit! --
Aber mein Gott, rief Fox, was denkst du dir denn eigentlich? Jeder
Mensch hat doch seine Freiheit! Er war ganz in Affekt geraten, das
letzte Wort kam voll und rund heraus, Herr von Sander hätte seine Freude
daran gehabt. -- Ein jeder Mensch hat doch seine _Freiheit_! wiederholte
er, aus dem Bedürfnis heraus, etwas, das ihm unbewußt geglückt war, noch
einmal als bewußte Leistung zu genießen. Aber das zweitemal gelang es
nicht so gut. -- Was meinst du denn damit? fragte sie angstvoll und
unsicher; du willst mich doch nicht etwa verstoßen? -- Fox wiegte den
Kopf und bewegte stirnrunzelnd die Lippen, als schmecke er etwas
Unangenehmes. Verstoßen! sagte er, was für ein romanhaftes Wort! Klingt
so nach Treppe und hageren Armen. Ich denke doch gar nicht dran dich zu
verstoßen! -- Also heiraten wir uns _doch_! fragte sie wieder, angstvoll
und schnell. -- Fox ging im Zimmer auf und ab. Muß denn, so fragte er,
muß denn eine Liebe stets von der Obrigkeit sofort beglaubigt,
gestempelt und besiegelt werden? Ist sie nicht vielmehr etwas -- also
etwas Leichtbeschwingtes, dem die leiseste Berührung von außen den
Schmelz abzustreifen droht?! Ich will ja gar nicht sagen, setzte er
hinzu, daß ich dich _nicht_ heirate, das hängt ganz von uns beiden ab,
aber wenn du mir damit ewig in den Ohren liegst, so kannst du mir nicht
verdenken, daß mich das endlich verstimmt. -- Aber es ist doch das
erste, das allererstemal, daß ich danach frage! -- Na ja, du weißt eben
nicht, was du manchmal sagst. Jedenfalls kann jetzt von Heiraten noch
lange nicht die Rede sein. Aber wenn du mich lieb hast, wahrhaft lieb
hast, so tust du was ich dir sage: Du gehst zu deiner Großmutter zurück.
-- Lotte schüttelte den Kopf. -- Gut, dann nehme ich an du liebst mich
nicht mehr, und dann ist es eben aus; dann haben wir uns heute zum
letztenmal gesehen. -- Aber ich kann doch nicht, ich kann doch nicht!
wiederholte sie immer und immer wieder. -- Fox sah nach seiner Uhr. --
Ich muß hart sein mit ihr, äußerlich hart -- so dachte er -- das ist in
der Wirkung wohltätiger für sie als wenn ich ihrem Gefühl nachgäbe, was
ja für mich viel bequemer wäre. -- Ich muß jetzt in die Stunde! sagte
er, überlege dir alles bis zum Abend, du hast die Entscheidung selbst in
der Hand, das sage ich dir ganz ausdrücklich. -- Was soll ich denn hier
tun? fragte sie; ich kenne doch keinen Menschen, kann ich dich nicht
begleiten? Ich kann ja unten warten bis deine Stunde zu Ende ist! -- Das
fand er stumpfsinnig; sie müsse etwas tun was sie zerstreue. Er schlug
ihr vor, sie könne ja in der Stadt herumgehen und die Sehenswürdigkeiten
in Augenschein nehmen, davon gebe es hier genug auf den Straßen und
Plätzen. Und da sie gar nichts anderes wußte, sagte sie endlich ja, das wolle sie.
댓글 없음:
댓글 쓰기