Pitt und Fox 23
Es ist doch scheußlich, dachte Fox, als sie sich getrennt hatten und er
allein die Straße hinabschritt, in was für zweideutige Situationen man
gerät ohne es zu wollen! Aber was soll ich machen!! Auch die Ärzte
spiegeln ihren Kranken vor, ihr Zustand sei nicht so schlimm; und was
für eine wohltätige Wirkung liegt in der Suggestion! Jetzt dachte Lotte
wirklich, er ginge zur Stunde. In Wahrheit mußte er eine Verabredung mit
einer neuen Schülerin des Herrn von Sander einhalten, ein Mädchen, das
er gerade noch vor den Händen des Herrn Eichinger gerettet hatte, der
doch ein notorischer Lüstling war!! -- Scheußlich! wirklich
unsympathisch scheußlich! dachte er, da geht man nun von einer Geliebten
zur andern und setzt sich der schlimmsten moralischen Beurteilung vor
sich selber aus! -- Seinen innern ernsten Zustand ließ er die neue
Freundin fühlen, indem er einsilbig war und manchmal tragisch zerstreut
in die Büsche starrte. --
Wie Lotte so allein war und ratlos und unschlüssig nach rechts und links
blickte auf all die grellen, sonnebeschienenen Häuserreihen, die ihr so
fremd waren, wurde ihr noch öder und leerer zu Sinn. Aber da unten am
Ende der Straße schien ein Denkmal, ein Reiterdenkmal zu stehen. Das
konnte sie sich ja ansehen, damit sie später Fox etwas zu antworten
wußte, wenn er sie fragte. -- Sie ging auch wirklich hin, merkte sich
den Namen von dem, den es darstellte, und von dem, der es gemacht hatte,
und dann wußte sie wieder nicht was sie tun sollte. Plötzlich fiel ihr
Pitt ein. Der wohnte ja auch hier in der Stadt. Wenn sie nun zu dem ging
und ihm ihr Leid klagte? Aber sie wußte seine Adresse nicht; vielleicht
wußte sie die Dame, bei der Fox wohnte. -- Sie kehrte wieder um und
läutete nach einigem Zögern. Ein Herr von mittleren Jahren öffnete. Sie
brachte ihr Anliegen vor, er sagte sie möchte lauter reden, er verstände
sie nicht. Und um ja alles recht gut zu machen, schrie sie das Gesagte
noch einmal, im Glauben, der Herr sei schwerhörig. -- Ach so! sagte Herr
Könnecke, Sie brauchen nicht so zu schrein, ich bin nicht taub. --
Entschuldigen Sie bitte viele Male, bat sie mit unterdrückter Stimme, um
ja alles recht gut zu machen und niemand zu beleidigen. Herr Könnecke
sagte ihr nun den Namen und die Nummer der Straße, erst müsse sie links
gehen, dann rechts, dann zwei Straßen überschlagen, dann wieder in eine
Straße einbiegen, bis eine Anschlagsäule käme. -- Also wie? Erst soll
ich rechts gehen, dann links, dann wieder rechts, und dann bin ich da?
Herr Könnecke sah gutmütig in ihr verängstigtes Gesicht. -- Warten Sie
mal! sagte er und sah nach der Uhr; es ist zwar noch ein bißchen früh
für meine Stunde, aber ich kann doch mit Ihnen gehen, es ist kein Umweg
für mich. Gleich bin ich wieder da! -- Sie wartete, und als er
wiederkam, meinte er gründlich: Ich mußte mir nur erst einen reinen
Kragen umbinden! -- Sie gingen nun zusammen die Treppe hinab und die
Straße hinunter. Herr Könnecke war ein wenig neugierig, weshalb dies
Mädchen wohl zu Pitt Sintrup wolle, und warum sie so verängstigt und
verschüchtert war. Zum Mittagessen hatte er sich verspätet, seine
Cousine war bereits ins Geschäft gegangen, als er heimkam. Aber er
fragte nichts, nur erfuhr er, daß sie hier fremd am Orte sei.
An einer Straßenecke wartete ein Schüler. Er wußte, daß Herr Könnecke
etwa um diese Zeit hier vorbeikommen mußte. Sein blasses, gespanntes
Gesicht rötete sich mehr und mehr, je näher Herr Könnecke kam. Einen
Augenblick schien er zu schwanken, die Gegenwart der jungen Dame
verwirrte ihn, aber dann brach er in Weinen aus: Ach Herr Könnecke,
erlassen Sie mir doch die Strafe, nur diesmal, ich will es ja auch ganz
gewiß nie wieder tun! -- Herr Könnecke war stehen geblieben, Lotte ging
einige Schritte weiter und wartete. Ganz zerknirscht stand der Junge da,
in der hellen Nachmittagssonne; Herr Könnecke zögerte, dann sagte er: Na
ja, dann will ich es dir _diesmal_ noch erlassen! -- Und plötzlich
getröstet, wie wenn eine Last mit einemmal von seinen Schultern
herabgenommen sei, sah das Kind dankbar, glücklich zu ihm auf. --
Man weiß gar nicht, sagte Herr Könnecke im Weiterschreiten zu Lotte, wie
tief so ein Kind eigentlich empfindet! Da hat der arme Junge nun die
ganze Woche seine Angst mit sich herumgetragen, daß er morgen, am
Samstag, nachsitzen soll, und er hat noch niemals nachgesessen, er war
immer ehrlich! Und heute, am letzten Termin, hält er es nicht mehr aus;
immer hat er es hinausgeschoben, von einem Tag zum andern, und nun, im
letzten Augenblicke, kommt er. Das Nachsitzen selbst ist ja nicht das
schlimmste, aber der Strafzettel, die Eltern, die Unehrlichkeit! Na,
diesmal ist er ja noch drum herumgekommen! -- Ja, sagte Lotte, diesmal
ist er noch drum herumgekommen. -- -- So, da wohnt Herr Sintrup! meinte
Herr Könnecke endlich, also adieu, Fräulein, grüßen Sie Herrn Sintrup
von mir, Könnecke ist mein Name. -- Ich bin Lotte Pfanz. -- Er zog
seinen Hut, sie streckte halb ihre Hand aus, wollte sie wieder
zurückziehen, fast gleichzeitig machte Herr Könnecke eine ähnliche
Bewegung, schließlich streckten sie sie beide wieder vor, er ergriff die
ihrige und schüttelte sie herzlich. -- Ein sonderbares Mädchen! dachte
er im Weitergehen, die sah ja so traurig aus, und so blaß! Es ist doch
gut, daß ich sie begleitet habe; sonst liefe sie vielleicht noch wer
weiß wie lange in der heißen Sonne herum. --
Pitt war aufs äußerste überrascht, Lotte plötzlich vor sich zu sehen.
Sie konnte zu Anfang kein Wort vorbringen und bat um ein Glas Wasser.
Dann erzählte sie ihm ihr Geheimnis, mit einfachen Worten, die ganz von
selbst und ohne jede Befangenheit über ihre Lippen kamen. Im Gegenteil,
sie fühlte sich erleichtert durch ihre Mitteilung. Pitt sagte lange
nichts. Die Vergangenheit zog an ihm vorüber, während sein Blick ins
Leere gerichtet war. Dann fand er sich in die praktischen Fragen der
Gegenwart zurück. -- Eines mußt du mir sagen, sprach er nach kurzem
Nachdenken; du darfst mir meine Frage nicht übelnehmen und meinen, ich
dächte deshalb etwa schlecht von dir: Bist du sicher, daß du dich nicht
irrst -- ich meine, daß es wirklich Fox ist -- -- sie ließ ihn nicht zu
Ende reden, sondern unterbrach ihn lebhaft mit der Versicherung, dessen
sei sie so gewiß, wie man einer Sache überhaupt sein könne: Außer ihm
habe ich ja in meinem ganzen Leben noch niemand geliebt! Sie errötete,
als sie seinen stillen, grauen Augen begegnete, und fuhr fort: Ich
meine, du verstehst mich doch, du weißt doch was ich sagen will! Und nun
will er durchaus, ich soll zu Großmutter gehen und ihr alles sagen. --
Ja, sagte Pitt, das halte ich auch für das beste. Schließlich hat doch
deine Großmutter, als sie jung war, dasselbe durchgemacht. -- Aber da
war sie doch verheiratet! -- Ach so, ja ja, und das bist du nicht, das
ist richtig. Trotzdem halte ich es für das beste. -- Und er zählte ihr
alle Gründe auf, und als schwerstwiegenden, daß, wenn alles jetzt so
abliefe, wie sie wolle, das Geheimnis trotz allem Geheimhalten
irgendwann einmal an den Tag kommen werde; die Scherereien mit den
Gerichten, die Sorge für das Kind selbst, später -- das alles könne sie
viel leichter übernehmen, wenn sie es nicht noch dazu verbergen und
geheim halten müsse. -- O Gott, wenn das bekannt wird -- ich kann ja
niemals Lehrerin werden! -- Dies leuchtete ihm ein, und nach einer
neuen, reiflicheren Überlegung schien es ihm nun wirklich besser, sie
bliebe hier. -- Vielleicht kann ich eine Freistelle bekommen! meinte sie
schüchtern. Aber diesen Glauben zerstreute er ihr. Außerdem habe sie
dann nicht die Bequemlichkeiten, die sie beanspruchen könne. Das ist ja
auch das wenigste, fügte er hinzu: Fox hat doch die selbstverständliche
Verpflichtung, dich auf das anständigste verpflegen zu lassen. Das wird
dem guten Jungen noch teuer zu stehen kommen! Pitt lächelte, indem er
das verstimmte Gesicht seines Bruders vor sich sah, der sich nun wohl
mit seinen Delikateßbüchsen und guten Weinen etwas einschränken mußte,
in Zukunft. -- Er sagte aber, wenn ich ihn lieb hätte, so müßte ich nach
Hause gehen, sonst wäre es aus zwischen uns; es sei ein Prüfstein für
meine Liebe! -- Ach?! meinte Pitt, aufhorchend: dieser Prüfstein ist ja
recht interessant! -- Eine leise Bitterkeit gegen Fox stieg immer
deutlicher in ihm auf: Das hatte er nun aus diesem Mädchen gemacht!
Freilich suchte sein Verstand dies Gefühl sogleich zu zerstreuen, und er
dachte: Vielleicht wäre es mir ebenso gegangen. -- Heute abend gehen wir
zusammen zu ihm, sagte er, bis dahin bleibst du wohl bei mir! -- Lotte
fühlte einen so tiefen Dank gegen Pitt, sie legte ihre Arme um seine
Schulter und drückte ihn leise und zärtlich. Seit sie ihn gesehen und
gesprochen, war sie um ein großes Stück erleichtert, sie fühlte einen
Schutz, sie wußte, daß nun nichts mehr geschah, was gegen ihren Willen
war. -- Pitt streichelte ihr brüderlich über die Wange: was er für sie
empfand, war Mitleid, nur tiefes Mitleid. Alle übrigen Gefühle, alles
Halbklare, Zerrende war gänzlich erloschen. -- Wo gehen wir nun hin?
fragte er, und als er sie ansah, glaubte er einen Wunsch in ihr zu
erraten: In die Konditorei? Sie errötete und sagte, das sei kindisch.
Aber ich halte dich doch von nichts ab? fragte sie wieder und wieder.
Sie hatte Angst, sie könne ihm lästig sein, und das wollte sie unter
keinen Umständen. Und nachdem sie wirklich in der Konditorei gewesen
waren, schlug sie vor, er solle nun nach Hause gehen, sie wolle sich
hier auf eine Bank setzen. Für zwanzig Pfennige könnte sie sich ein Buch
kaufen und es lesen. Er schüttelte den Kopf. -- Aber es kostet doch nur
zwanzig Pfennige! Er blieb dabei, sie solle mit ihm gehen. So schritt
sie wieder neben ihm, ihre innere Gespanntheit löste sich mehr und mehr.
-- Du machst ja so ein glückliches Gesicht? fragte Pitt plötzlich. Sie
hatte für einen Moment alles Schreckliche vergessen, wie ausgelöscht war
es gewesen, sie hatte gerade etwas Lustiges sagen wollen, aber nun stand
alles auf einmal doppelt schrecklich wieder vor ihr. Wie ist es nur
möglich, wie ist es nur möglich! dachte sie. -- Willst du vielleicht
etwas schlafen? fragte Pitt, als sie oben im Zimmer waren. -- Nein, das
wollte sie nicht. Unklar dachte sie, das mache irgendwelche Umstände. --
Oder wenigstens ruhen? -- Nein, das wollte sie auch nicht. Doch, das
wollte sie, sie wollte auch schlafen! Sie fühle sich wirklich müde! --
Es fiel ihr plötzlich ein, daß sie Pitt ja am wenigsten zur Last war,
wenn er sich nicht mit ihr zu unterhalten brauchte. Sie legte sich auf
sein Sofa, er bedeckte sie sorglich, und nach einigen Minuten fiel sie
wirklich in einen tiefen, segenvollen Schlaf. Von seinem Schreibtisch,
an dem er arbeitete, trat er auf den Zehenspitzen zu ihr hin. Mit
kindlichem, reinem Ausdruck lag sie da, tief und ruhig atmend. Er ging
wieder zurück an seinen Tisch.
Die Holzrouleaus ließen das Licht des Tages nur gedämpft herein; es war
still; eine Fliege summte an der Fensterscheibe. Pitt las in den
Pandekten, aber seine Gedanken irrten ab und wurden immer träumerischer.
Er hörte auf das Summen der Fliege an der Fensterscheibe, und ihm war
als läge da draußen gar keine Straße, sondern ein baumüberschatteter
Weiher, und dahinter kamen Ställe und Scheunen. Das Haus aber war ganz
klein, und er befand sich in der Stube zu ebener Erde; kein Geräusch war
um ihn, nur die Fliege summte gegen die Scheibe, die heiß war von der
Sonne. Sie wollte hinaus ins Freie; nun, sie würde es aufgeben, denn
hier drin war es auch gemütlich, und all die Blumensträuße in den
Fenstern verbreiteten Duft. Wer hatte sie dort hingestellt? Zwei blonde
kleine Knaben mit kurzem Haar; es waren Zwillinge und seine eigenen
Kinder. Da standen sie schon vor ihm, in ihren kurzen Lederhosen und
weißen Hemden, und wie sie jetzt lachten, sah er ihre spitzen Eckzähne.
Wo hatte er nur solche Zähne gesehen? In der Luft lag ein Geruch von
frischer Milch, und aus einem der Nebenräume drang das leise Stampfen
eines Mörsers. -- Er hörte auf den fernen Klang und sog den Duft ein --
und die Fliege summte noch immer an der Scheibe. Draußen aber lag
Sonnenlicht und alle Bäume bewegten sich glitzernd, und ganz ferne
krähte ein Hahn. -- Das Essen ist angerichtet! sagte eine bekannte
Stimme, -- vor ihm stand ein großes, blondes Mädchen mit einer
schneeweißen Schürze. War das Elfriede? -- Unbeweglich lächelnd sah sie
auf ihn, er fühlte, daß er schlief und daß sie ihn nicht wecken wollte,
und doch hatte er die Augen offen und sah ganz deutlich diese
schneeweiße Schürze. Da war es, wie wenn ein Ton fern verklänge, die
Gestalt schien zurückzuweichen -- und er starrte in sein aufgeschlagenes
Pandektenbuch. -- Plötzlich tat er einen Ruck. -- Ich glaube fast, ich
habe geschlafen! sagte er und sah auf seine Uhr, während er sich erhob.
Und das ganze Traumbild zog noch einmal klar an ihm vorüber, wie er so
unbeweglich dastand. -- Sonderbar, sonderbar! sprach er zu sich selbst,
was für Dinge liegen einem im Unterbewußtsein, von denen man keine
Ahnung hat. --
Er sah zu Lotte hinüber, machte eine Bewegung als wenn er alles von sich
abtue und trat langsam zu ihr hin.
Sie rührte sich nicht. Er legte zart seine Hand auf ihre Stirn. Sie lag
nach wie vor bewegungslos. Er nannte ihren Namen; ihr Atem ging tief, in
immer größeren Zügen, plötzlich schlug sie die Augen auf.
Wir müssen gehen! sagte er leise. -- Gehen? zu wem? -- Zu Fox. -- Sie
dachte einen Augenblick nach, sagte dann: o es war so schön, und schloß
noch einmal die Augen. -- Es muß sein; sagte sie endlich mit einem Entschlusse und erhob sich.
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