2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 26

Pitt und Fox 26


Pitt begleitete sie zur Bahn. Im Wagen gab sie ihm den Brief zu lesen,
den sie an ihre Großmutter geschrieben hatte, aber noch immer bei sich
trug. Er fing an: Mutter meiner Mutter! Indem du selbst das Leben in
allen seinen Tiefen kennen gelernt hast, lenkt mein Herz vertrauensvoll
den Pilgerstab zu dir. -- Nicht wahr, das geht doch nicht, das klingt so
-- so beinah unbescheiden! -- Hat dir Fräulein Nippe diesen Brief
aufgesetzt? fragte Pitt und lachte. -- Ja! und sie sagte, er sei in
seiner Art geradezu vollendet! -- Allerdings! sagte Pitt, da hat sie
recht. -- Sie habe ihn fünf-, sechsmal umgearbeitet und immer wieder
daran gefeilt, und wenn ich ihn nun nicht einmal abschreiben wolle, für
wen sie sich dann die große Mühe gemacht habe?! Da habe ich ihn
abgeschrieben, um sie nicht zu kränken, aber abgeschickt habe ich ihn
doch nicht! -- Das ist auch viel besser, sagte Pitt; so siehst du deine
Großmutter erst in der Wohnung; vielleicht wäre sie sonst auf die Bahn
gekommen. -- Leb wohl, Pitt, und -- und -- ich habe dich doch viel
lieber als Fox! so sagte sie leise und küßte andachtsvoll seine Wange.
 
Was tust du denn da mit dem Fernrohr? fragte Fräulein Nippe und lugte
zwischen den Wänden der Hinterhäuser hindurch, auf das ferne freie Feld.
-- Ich wollte nur den Zug sehen, sagte Herr Könnecke treuherzig, mit dem
sie abgefahren ist; gerade ist er durchgekommen.
 
Lotte näherte sich ihrem Ziele. Ihre zuversichtliche Stimmung nahm
langsam wieder ab. Sollte sie nicht doch irgendein vorbereitendes Wort
an ihre Großmutter schicken? Sollte sie nicht telegraphieren? Aber sie
wußte, wie sehr Frau Bornemann über jedes Telegramm erschrak, und
außerdem: war es richtig gehandelt? -- O wenn doch alles gut ausging!
Großmutter konnte sie ja gar nicht anders als freundlich aufnehmen! Aber
wenn sie sie nun überhaupt nicht aufnahm, -- wenn sie sagte: Lotte
gehöre auf die Straße -- und vor ihr die Tür ins Schloß warf? Aber sie
war doch ihre Großmutter, die Mutter ihrer Mutter! -- So zogen in Lotte
die Empfindungen wechselnd hin und her, während draußen die
Telegraphendrähte langsam auf und nieder schwebten, wie von zwei
verschiedenen Mächten bewegt, die sich befehdeten. Sie verfolgte diesen
ewigen schwankenden Wechsel, brachte ihn mit ihrer eigenen Furcht und
Hoffnung in Verbindung, und dann lenkte sie gewaltsam die Augen davon
ab, da es ihr die Brust zuschnürte. Sausend flogen Dörfer und Felder an
ihr vorbei, die Sonne sank fern hinter braunem Ackerland und sprühte
einen Goldstaub auf den dunklen Grund. Der Himmel rötete sich mehr und
mehr, die Welt schien wie in einem Flammenmeer zu brennen, ganz still,
ganz lautlos, während nur das Rollen der Räder weiterbrauste, und dann
sank alles langsam in ein fahles, erstorbenes Licht, die Bäume ließen
sich nicht mehr genau erkennen, alles wurde zu starrenden, drohenden
Massen. -- Wenn ich doch da mitten drinnen wäre! dachte Lotte; niemand
wüßte dann von mir, keiner erführe etwas von mir, ich wäre ganz allein.
-- Und sie versank wieder in Angst und Sinnen. --
 
Sie reisen gewiß sehr weit? fragte plötzlich eine laute Stimme. -- Lotte
gegenüber saß eine Frau, die sie schon lange teilnehmend betrachtete.
Solange es irgend anging, hatte Lotte alles getan, um ihren Zustand vor
den Menschen zu verheimlichen. Später sagte ihr dann Fräulein Nippe, sie
brauche sich durchaus nicht zu schämen; im Gegenteil: Eine Frau, die ein
Kind erwarte, sei ein erhebender Anblick; außerdem wisse ja doch
niemand, daß sie nicht verheiratet sei. -- Lotte räusperte sich und
nannte ihr Ziel. -- Gewiß ist es Ihr erstes Kind, das Sie erwarten!
sprach die Frau weiter und betrachtete sie mit Zufriedenheit, da sie gut
gepflegt aussah, einfach gekleidet war und einen sympathischen Eindruck
machte. Ja, sagte Lotte, es ist mein erstes Kind. -- Unwillkürlich ließ
die Frau ihre Augen zu Lottes Hand gleiten, um den Trauring zu suchen.
Aber Lotte trug wollene schwarze Handschuhe. -- Ihr Mann erwartet Sie
wohl an der Bahn? -- Ja, er erwartet mich an der Bahn. -- Die Frau
nickte beruhigt und sagte: Ja ja, zu Hause hat man es doch am besten! --
 
Endlich hielt der Zug an ihrem Bestimmungsort, der Endstation des ganzen
Zuges überhaupt. Lotte sagte der Frau hastig adieu, und suchte sich
möglichst ungesehen zwischen den Menschen zu verlieren, indem sie
anfangs den Kopf hin und her wendete, indem sie tat als spähe sie nach
jemand, denn die fremde Frau konnte ihr vielleicht nachblicken. -- Dann
nahm sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Wie sie alle die bekannten
Straßen sah, wurde ihr immer ängstlicher ums Herz. Das Bild ihrer
Großmutter, wie es allmählich in ihrer Vorstellung sich verändert hatte,
verwischte sich mehr und mehr; ihr Bild, so wie es war, trat ihr immer
deutlicher vor die Seele; und als der Wagen endlich hielt, klopfte ihr
Herz so stark, daß sie nicht vermochte sogleich aufzustehen und
auszusteigen. Zudem ging eine ihr bekannte Frau den Bürgersteig entlang;
die durfte sie nicht sehen. -- Es muß sein! dachte sie, erhob sich --
gezahlt hatte sie gleich zu Anfang -- und mit gesenktem Kopf, in dem
Gefühl sich möglichst zu verbergen, eilte sie in das Haus hinein.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf; mehrere Male blieb sie stehen.
Sollte sie nicht wieder umdrehen, wieder auf den Bahnhof fahren,
irgendwo hinreisen, um sich zu verstecken? -- Im untern Stock erklangen
Stimmen; da schritt sie wieder aufwärts. Dann stand sie vor der Tür. Da
war das Porzellanschild ihrer Großmutter, dies kleine, ovale Schild, das
sie kannte fast solange sie denken konnte. Sie starrte darauf hin. Das
Angstgefühl stieg ihr im Halse auf. Eine unbekannte Visitenkarte war
daneben auf die Tür geheftet. Sie las den Namen ganz mechanisch, ganz
mechanisch las sie ihn rückwärts, die Buchstaben umdrehend, immer
wieder. Das Herz klopfte ihr jetzt bis in die Fingerspitzen. Da hörte
sie inwendig einen Schritt, den Schritt ihrer Großmutter. Sollte sie
etwa von selbst die Tür öffnen? Vielleicht in Hut und Mantel
herauskommen und Lotte überraschen? Fast bewußtlos hob sie den Finger
und läutete. Es verging eine kleine Zeit, da hörte sie den Schritt
wieder. Schlürfend, langsam näherte er sich der Tür. Endlich, endlich
war er da. --
 
Wer ist da draußen? fragte Frau Bornemann von innen. -- Ich! -- Aber das
Wort kam so tonlos heraus, daß sie etwas lauter hinzusetzte: Lotte. --
Jetzt öffnete sich die Tür, Frau Bornemanns Gesicht zeigte sich, freudig
überrascht: Ach Lotte, Lottchen, du bist es! -- Aus der Wohnung drinnen
erklang ein Klavier, jemand spielte einen Walzer. Lotte hielt sich gegen
einen Pfeiler gedrückt, unbeweglich stand sie da. Frau Bornemann wollte
auf sie zugehen, aber nach dem ersten Schritt hielt sie inne, der
freudige Gesichtsausdruck verschwand, entsetzt starrte sie auf ihre
Enkelin. Lotte wollte etwas sagen, irgend etwas, es war, als sei ihr die
Kehle fest zugebunden. -- Allmächtiger Gott! hörte sie da die Stimme
ihrer Großmutter rufen, langsam, ganz wie aus der Ferne. Frau Bornemann
trat auf sie zu und sah sie mit einem Blicke an, daß Lotte die Augen
schloß. Sie öffnete sie aber gleich wieder, da sie ein Geräusch hörte,
das ihr zum Herzen fuhr: Frau Bornemann tastete in die Luft und wankte.
Lotte hielt sie und vermochte sie hineinzuführen ins Zimmer. Sie setzte
die alte Frau in ihren Lehnstuhl und ließ sich selbst auf das Sofa
sinken, betäubt, stumpf. -- _Die_ Schande! rief Frau Bornemann auf
einmal laut, und Lotte sah entsetzt auf sie, denn es klang gar nicht wie
die Stimme ihrer Großmutter. -- _Die_ Schande! wiederholte sie, und
plötzlich machte sie sich aus ihrem Sessel los und trat auf Lotte zu:
Fort, fort aus dem Hause, fort aus meinen Augen, du hast hier nichts
mehr zu suchen, mach, daß du herauskommst, geh hin wo du hergekommen
bist, ich will nichts mehr von dir sehen, heraus sollst du, hast du mich
nicht verstanden? -- Sie drängte Lotte durch das Zimmer auf den
Vorplatz, und vom Vorplatz wollte sie sie durch die letzte Tür zur
Treppe drängen. -- Aber Großmutter -- aber Großmutter -- mehr brachte
Lotte nicht heraus, doch sie klammerte sich fest an sie, in Todesangst,
so daß Frau Bornemanns Kräfte erlahmten. -- Was ist denn da draußen los?
tönte eine fremde Stimme aus der Tiefe des Ganges. Die Musik war
plötzlich abgebrochen. -- Ein kurzes Schweigen herrschte. Frau Bornemann
hatte einen neuen furchtbaren Schreck bekommen, während Lotten diese
Stimme wie eine Hilfe, wie eine Rettung aus ihrer Not klang. -- Nichts
ist los! antwortete Frau Bornemann mit unsicherer Stimme, gar nichts ist
los, spielen Sie nur ruhig weiter. -- Die Tür schloß sich, nachdem sich
der Fremde noch einen Augenblick lauschend oder wartend auf der Schwelle
verhalten haben mußte. Frau Bornemann ließ Lotte auf ihrem Platze stehen
und tastete sich in ihr Zimmer zurück. Das Klavierstück ertönte von
neuem. Lotte blieb unbeweglich. Ihr war, als sei sie überhaupt gar nicht
mehr auf der Welt. -- Aber sie konnte doch nicht immer hier stehen
bleiben! Halb ohne Bewußtsein von dem was sie tat, schritt sie auf den
Vorplatz zurück, schloß die Tür und suchte dann den Eingang zu ihrem
eigenen Zimmer. Aber die Musik klang hinter dem Holz ganz laut, so daß
sie den Griff wieder sinken ließ. -- Zwei Mieter; dachte sie mechanisch,
ich habe draußen doch nur _eine_ Karte gesehen. In Foxens Zimmer konnte
sie auch nicht; sollte sie in die Küche? Nein, sie wollte zur
Großmutter, sie wollte ihr alles erzählen, sie mußte sie erweichen. --
Frau Bornemann hatte sich aufs Sofa gelegt und hielt das Gesicht mit
beiden Händen bedeckt. -- Großmutter! -- -- Großmutter!! -- Schrei noch
das ganze Haus zusammen, flüsterte Frau Bornemann mit heftiger Stimme,
posaune deine Schande nur aus, dir liegt ja nichts an dem Ruf der
Familie, es ist dir ja ganz gleich, ob du deine Großmutter ins Grab
bringst -- o hätte ich das gewußt, als ich dich zu mir nahm, daß du
meine Liebe mit so schnödem Undank erwidern würdest! -- Sie überhäufte
Lotte nun mit den ärgsten Schmähreden, die Lotte stumpf über sich
ergehen ließ. -- Aber wie sich Frau Bornemann in ihren Ausdrücken jetzt
immer noch zu überbieten suchte, brannte in ihr ein Gefühl bitterer
Empörung auf: Du bist ja selbst mit schuld! rief sie, wie ein Kind hast
du mich gehalten, nichts habe ich gewußt, gar nichts, ahnungslos habe
ich etwas getan ohne überhaupt zu wissen was es war. -- Frau Bornemann
stand wie versteinert. Dann brach sie los: Ich, ich hätte dich
gewissenlos erzogen? Ich, die immer nur dein Bestes im Auge gehabt hat?
Danke deinem Schöpfer, daß ich dich wie ein Kind gehalten habe, rein und
unberührt! Sollte ich deine und meine Ohren mit solchem Schmutz
entweihen? War es nicht genug, daß ich dich warnte vor den Männern, daß
ich dir sagte: Der Mann ist gleißnerisch, schön tut er in seinen Reden,
aber, läßt man sich mit ihm ein, so lugt der Satan hervor?! Und mach du
mir nicht weis, daß du mich nicht verstanden hättest! Ich bin selbst zur
Schule gegangen und weiß, worüber junge Mädchen leider Gottes viel zu
viel reden! Die eine weiß dies, die andre weiß das, und wenn es auch
manchmal nicht stimmt, den _Kern_ trifft es immer! Es gelingt dir nicht,
dich reinzuwaschen, schmutzig bist du und bleibst du, und an deiner
Großmutter hängt auch nicht das Stäubchen von einem Makel! -- Lotte
wollte antworten, die Gedanken verwirrten sich ihr. -- Laß dir doch
wenigstens alles erzählen wie es gekommen ist! Frau Bornemann zitterte
am ganzen Körper: Ich will nichts hören, ich sehe schon genug! Meine
Ohren sollen nicht auch noch befleckt werden mit diesem Kot! Und als
Lotte dennoch zu reden anhob, hielt sie sich wirklich die Ohren zu. 

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