2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 29

Pitt und Fox 29


Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er
später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber
als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. -- Sehe
ich Sie wieder? fragte Pitt; -- Ich weiß es nicht! antwortete sie. --
 
Er sah sie nicht wieder. Am übernächsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz,
sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris
zurückzufahren.
 
Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es
Elfriede, die ihn verließ. Sie fühlte, daß Pitt nicht für sie der
Vergangenheit angehörte und ahnte wohl, daß sie zurück in den früheren
Strudel gerissen werden könnte, wenn sie sich ihm überließ. -- Pitt
empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmächtige Gefühl des Neides -- das
ihm selbst so antipathisch war -- zerlöste sich. Aber nun war es
trotzdem, als sei ein Tor, das früher halb geöffnet war, für einen
Augenblick ganz geöffnet worden, und ehe er sich entschloß
hineinzutreten, schlug es zu und ließ ihn draußen stehen. Früher, wenn
er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hängt ja
nur von mir ab zu ihr zurückzugehen! Die Möglichkeit eines solchen
Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat
werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wäre, dachte er, würde
ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das
Tor einschlagen -- aber er fühlte, daß er nicht die Kraft dazu haben
würde, und dann, wenn es wirklich bis zur äußersten Frage, zur letzten
Entscheidung kommen sollte:
 
Wollte er denn überhaupt Elfriede haben, für das ganze Leben? Er fühlte
sehr wohl, daß es sich für sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln
würde. Hatte er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fühlte er nicht
bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? --
Ich bin ein schwächlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner
einzigen starken Empfindung fähig! -- Dann wieder schien es ihm, als
würde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser
Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und ließ ihn nicht zur
Ruhe kommen. Hätte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes
Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rüttelt
und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trägen,
empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann würde es sich ja
zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfähiges in mir habe, oder ob
ich nur ein Körper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. --
 
Er begann zu suchen. Er riß sich aus seiner toten Abgeschlossenheit
heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Künstlern vor allem, da
er das Gefühl hatte, in diesen Kreisen würde er am ehesten finden was er
suche.
 
Wieviel Kampf, Wärme und Zuversicht fand er plötzlich um sich herum,
wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenüber! Hatte er bisher blind gelebt,
daß er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge:
An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an.
Jeder hatte Wärme und Interesse für die Hoffnungen, für die Ziele des
andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fühlte Pitt so deutlich, wenn sie um
ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach
als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene
innere Kälte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich
loszuringen strebte, mit den kühlen Augen des Kunstrichters betrachtete,
der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden
möchte. Er schämte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu
entspringen schienen, und bemühte sich wärmer, lebendiger zu empfinden.
 
Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und
Malerinnen, eine Fülle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam
suchte er sich einzelnen zu nähern und zerschellte doch bei den ersten
Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges
Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden,
fühlte seine Seele eine größere Spannkraft. Aber sie ließ nach, wie er
nicht das Mädchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm
schenkte, und das ihm nun plötzlich wertvoller und schöner dünkte als
das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorüber.
 
Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Möglichkeit, in
einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem
ganz starken Gefühl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glücklich
und halb unglücklich. Es schien, als habe das Schicksal über ihn
entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos
einen Gegenstand, ließ ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was
habe ich nur? Ist es denn wirklich möglich?! Kann ein einziger Anblick,
ein einziges Sehen über einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel
Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen müssen, um jetzt wie mit einem
Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mädchen als
Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und
sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmäßig, und ihr Haar
viel glänzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr
verglichen schwächlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal
gegenüberständen! Herta hieß sie mit Vornamen, und es schien ihm, als
könne diese kräftige nordische Gestalt gar nicht anders heißen! Morgen
würde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er
konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im
hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weißen Malkleid, das den
schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freiließ; keine
Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem großen, blauen Blick,
es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch
einen Zufall getrennt gewesen.
 
Sie stammte aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands, aus einer
hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte.
Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie
Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, söhnte er sich
allmählich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem
Vaterglück fehlte nun nichts weiter, als daß seine Tochter nach Hause
gekommen wäre und geheiratet hätte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr
der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre
Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie
sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglück
in großem Stil vor, wie man es auf prunkvollen holländischen Bildern
gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige
Erlebnisse endeten mit Enttäuschungen, ohne ihre feste Natur im
mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine
verträumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog
ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung
gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mädchen so entgegengekommen
war, fühlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzählte ihr
sein ganzes Leben, und während sie kein Wort verlor, wurde in ihr der
Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr
noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich täglich, und
während er wähnte, die Erfüllung könne noch in weiter Ferne liegen, war
für Herta selbst alles längst entschieden. Dann kam ihre heftige
Einigung. --
 
Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war
ausgelöscht, eine unbekannte Frische kam über ihn, seinem Dasein schien
ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glückes, der
Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie für sein Leben
erhofft hatte. -- Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfaßlich
war ihm alles: Wie war es möglich, daß er wirklich ein Mädchen sein
eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wußte! Bisher
hatte er mit dem Gefühl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes
verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering
erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! --
 
Wie lange ihr enges Verhältnis zu Pitt dauern würde, wußte sie selbst
nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in
allem was das Leben anging, überlegen fühlte, in die Hand zu nehmen, und
jetzt, wo sie ihn näher kennen lernte, ward ihr dies Gefühl befestigt.
Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmöglich. Nur ein
paar Tage waren sie zusammen im Süden, dann verlangte sie zurück in ihre
Tätigkeit. Pitt gewöhnte sich daran ihr in allem sich zu fügen. Sie
verlangte, daß er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er
fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn
verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein
Vater würde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich
kennt, denn nach seiner Schätzung taugen im Grunde nur die Menschen
etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!
 
Sie setzte es durch, daß Pitt sein Examen bei der nächsten Gelegenheit
machte. Er sagte, er fühle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel
Semester er nun allmählich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er
sich jetzt noch nicht sicher fühle, würde er sich niemals sicher fühlen.
Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen könne er nicht, und
das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den
sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup
gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die
feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz
wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einfluß hinter
ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, daß ihn jemand trieb; zum Scheine
weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer
Forderung. Die hörte er so gern, und mit Vergnügen sagte er dann endlich
lächelnd: Nun also -- in Gottes Namen! -- Und nach ein paar Monaten
machte er das Examen und etwas später bekam er auch den Doktortitel, da
Herta sagte, es käme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas
mehr arbeite. Dann aber gab es Kämpfe was nun werden sollte. Referendar
werden wollte er nicht, er wollte überhaupt nun nichts mehr mit der
ganzen Juristerei zu tun haben; wußte aber auch nichts anderes. Ihr war
diese Eröffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrückt. Dann
begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, daß Pitt sich zu
allem bereit erklärte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm
nach diesen Gesprächen auch nicht mehr so entsetzlich wie früher: Hertas
Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die größten,
einflußreichsten Verbindungen, durch sie würde es ihm leicht werden,
eine gute einträgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie
vielleicht nie erreicht hätte, und großen Eindruck machte es ihm, daß er
dann kein königlicher Angestellter war, sondern daß er unter einer
Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater
selber war. -- Herta lächelte für sich, als er ihr eines Tages erklärte:
Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; -- er meinte
damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich später aus uns
beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus für
dich und wir besuchen uns wann wir mögen! -- Laß uns nicht daran denken,
sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd
zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht
anders möglich, als daß wir den Schritt tun, den die meisten tun, die
zusammen bleiben wollen. -- Pitt verzog unwillkürlich das Gesicht, wie
wenn er etwas Bitteres schmecke. -- Wäre dir der Gedanke so schrecklich?
fragte sie. -- O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte
dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach öfter von der
Möglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie
sich ihre und Pitts nähere Zukunft aus. Sie sprach von einem schönen
Haus, das sie sich bauen würden. Sie wußte schon den herrlichsten Platz
dafür. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem
Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen,
auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren würden, von ihren
Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der
Ahnenbilder, von denen sie ihm erzählte, die zu Haus im großen Saale
hingen, und er wunderte sich über ihren festen Zusammenhang mit ihrer
Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher
Zusammenhang gänzlich, und bei ihren Worten überschlich ihn zuweilen ein
dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder
sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.
 
Wie ist es nur möglich, sagte er einmal, daß ein Mensch so stark
verwandtschaftlich empfinden kann! -- Es kommt eben nur auf die
Verwandten an! entgegnete sie. Das ließ er gelten, obwohl er wußte, daß
da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach
nichts davon aus, da er fühlte, daß, wenn sie dann darüber stritten und
er Herta schließlich recht gäbe, eine Einigung doch nur ganz
oberflächlich sein würde. Und zugleich rührte diese Frage überhaupt an
Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.
 
Du möchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem
Luftschloß redete, daß wir unser Haus verschlössen und gar niemand
hereinließen? -- Er lächelte, und zugleich durchzog ihn eine halb
peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein
sein würden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, für ihn war es
vorläufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es
auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin
wäre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister:
Lauter blonde, großgewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten
unter sich Ähnlichkeit, wie die verschiedenen Blätter desselben Baumes.
-- Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus
einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter
mitgab, wie er ins erste Semester ging. -- Deinem Vater bist du nicht
ähnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu
diesem Kopf gekommen! -- Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild
wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller Ähnlichkeit, zu
laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren.

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