2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 30

Pitt und Fox 30


Es wäre besser, sagte er
endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Körper aufgäben und nur aus Kopf
beständen! Wieviel Aufregung und Gräßliches würde ihnen erspart bleiben.
-- Und das sagst du zu _mir_?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie
begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Möchtest
du, fuhr sie fort, daß wir beide körperlos wären? Ist dir dein Körper so
wenig lieb? Er antwortete nicht. -- Was für einen Unsinn redest du! Mein
Körper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und
alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber möchte ich auf
alles, alles verzichten als den kleinsten körperlichen Makel haben; du
redest wie ein alter Mann und sollst dich schämen! -- Er lachte und
zuckte die Achsel, und wie er sie so blühend vor sich sah, den
lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er:
Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, daß sie nicht
körperlos ist! und schloß sie heftig in seine Arme. -- Siehst du nun wie
dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so
bewegungslos, daß endlich seine Gedanken abirrten, bis er die
körperliche Ermüdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren
Armen befreite.
 
Höre, sagte sie eines Tages, morgen kommen meine Eltern her; sie reisen
nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich möchte, daß
du sie sähest. -- Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. -- Was werden
deine Eltern denken? fragte er ausweichend. -- Sie werden sich die
Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, daß ich kein Kind mehr bin und
daß ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit
abgefunden. Meine Mutter weiß übrigens über dies Bescheid; sie weiß über
alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wäre noch viel schwerer
gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten
hätte. -- Pitt war über diese letzte Eröffnung sehr erstaunt. Ich
glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! -- Herta lächelte
und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich
glaube, du achtest die Frauen überhaupt viel zu wenig. -- Vor meinem
Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und
sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; -- übrigens machst du dir
von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den
allergrößten Blick für Menschen und Dinge, es ist etwas Großzügiges in
seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nächsten Angehörigen empfindet er
wie ein gewöhnlicher Bürgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber
abgewöhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut
für dich, für deine spätere Zukunft, wenn er jetzt ein günstiges Bild
von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, daß du keinen
Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du
fühlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?
 
Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien
sie ihm jedesmal etwas fremd. -- Er legte den Arm um sie, küßte ihr
glänzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor
ihm bestehen. --
 
Pitt zog sich zu Hause um, zögernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah
lange hinein -- und mit einem plötzlichen Entschluß entkleidete er sich
wieder, zog seinen gewöhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten
Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.
 
Damit verletzte er sie sehr. -- Hast du denn absolut nicht den Wunsch
gehabt sie kennen zu lernen? -- Er schüttelte den Kopf. -- Manchmal
verstehe ich dich nicht! -- Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah
sie nicht an dabei. -- Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte
sie, man muß Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen.
Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.
 
Es war ihr ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit von ihm bestätigt zu hören,
wie sehr er sich innerlich umgewandelt fühlte. Es erfüllte sie mit
Stolz, daß sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen
aufzurichten und ihm das Gefühl seiner Kraft zurückzugeben. Dies
Bewußtsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas
Kameradschaftliches bekam; überall war sie die selbstverständlich
Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, daß es doppelt auffällig
war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.
 
Jeden Morgen -- ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war -- holte sie
ihn in der Frühe zum Spazierengehen ab; er war immer schon längst fertig
und bereit, ehe sie ankam; das frühe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte
sich, einen wie großen Teil seines Lebens er früher verschlafen hatte.
Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an
die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht
unangenehm. Sein Gedächtnis, das in den letzten Zeiten etwas
nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frühesten Jahren.
 
Manchmal überraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer
ausstieß und in eine Ecke starrte. Er lächelte; -- wie doch alte
Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht
zufrieden und glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! --
 
Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für
ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder.
Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie
dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht
sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen
zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. -- Du hast
recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu
tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas
anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch
kein Mann.
 
Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul;
gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen,
und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust,
mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige
Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. -- Am
nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. -- Sie
lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah:
so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein
Umweg! -- Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit
zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf
den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit
dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir
waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen
zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen
treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit
vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber
wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und
Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann
das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders -- und wenn er
ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann
vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder
sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses
vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch -- wenn sie dann zusammen
durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte
er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich
dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und
zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was
ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine
Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten
vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst
verbreitend. -- Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege
stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist -- aber ich muß allein sein,
jetzt! -- Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück
und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel
mehr Angst. --
 
Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. --
Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! -- Sie
sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt
wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen
zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit
zurückzufinden? -- Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.
 
Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend,
zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du
seist mir in Wirklichkeit ganz fern. -- Er widersprach alsdann mit
großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie
sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.
 
Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr
herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen.
-- Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie
denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd
zusammen leben? -- Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und
allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte.
-- Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr;
er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker
und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit
geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer
quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten
hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit,
wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war,
diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit
geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine
Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber
nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte
werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann
wieder allein sein würde?
 
Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen
blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.
 
Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm
gegenübersaß und in eine Ecke starrte. -- Er sah sie an wie ein
hilfloses Tier.
 
Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. -- Liebst du mich nicht
mehr? fragte sie einmal. -- Er antwortete nicht. -- Weißt du es selber
nicht? -- Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe.
So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. -- Was ist es
dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? -- Ich
glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal
hinstellst, dort oben, in deinem Lande -- das Haus -- deine Familie --
wir selbst, auf immer verbunden -- -- Es überlief sie kühl. Vor all dem
hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre
Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. -- Ja,
sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du
weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich
kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel
Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am
besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir
niemand, niemand vermocht! -- Sie trat dicht zu ihm heran, und wie erihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.

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