Pitt und Fox 4
Also mit Ihnen ist meine Schwester in
diesem Aufzuge gegangen? Und dann redete sie mit ihrem schnellen Tonfall
Sachen, die sämtlich unangreiflich waren. -- Die stille Stimmung des
Zimmers war mit ihrem Eintritt verändert, so wie wenn man ein Fenster
geöffnet hätte. Jetzt drehte sie nebenbei noch an einem kleinen Knopf
auf der Tapete, daß der Raum plötzlich im hellen Lichte des
Kristallkronleuchters lag, und sagte, dieses Dämmerlicht habe etwas
Totenhaftes.
Alle Farben erschienen nun viel wirklicher, und Pitt kam es vor, als sei
sie selber plötzlich die Seele dieses Raumes geworden. -- Kommen Sie
eigentlich gerade von einem Ritt? fragte er nach einer Weile. -- Wieso?
fragte sie zurück, etwas erstaunt über die Direktheit der Frage, denn
sie kannten sich ja gar nicht; haben Sie mich schon einmal reiten sehen?
-- Er schüttelte den Kopf. -- Morgen besorge ich eine Leine! wandte sie
sich an ihre Mutter; Lili hat nicht die Spur von Anhänglichkeit; sie
läuft wohin sie will und ist wie besessen. Da kommt es, dies Geschöpf!
-- Die Tür öffnete sich, und mit Elfriede trat ein glatthaariges, weißes
Hündchen ein, indem es sich ungeduldig zwischen ihr und der Tür
hindurchzwängte. Es lief auf den Teppich zu, vollführte einige rasende
Bewegungen um sich selbst, prustete und nieste, bohrte den Kopf in den
Boden, strich sich die Schnauze nach links und rechts ab, sprang auf
Frau van Loo zu, legte ihr die Pfoten aufs Kleid und sah sie, als sei
nichts geschehen, aus seinen blanken, rötlich-schwarzen Augen klug und
blinzelnd unbeweglich an. Aber Hedwig sagte, es gehöre hinaus, schritt
zur Tür und rief es. Es hob aufmerksam die Ohren, ließ die Pfoten
niedergleiten und raste durch den Raum. Im nächsten Augenblick war es
ausgesperrt, und das Gerassel seiner Klauen an der Tür verstummte erst,
als der Diener es fortführte. -- Das ist unser Haus- und Plagegeist!
sagte Frau van Loo; und wenn es einmal zu einer Trennung zwischen uns
kommt, so ist es seinetwegen. Ich und Elfriede lieben es, aber Hedwig
kann es nicht leiden. Doch es ist einmal da und wird sich zu behaupten
wissen! Hedwig verteidigte ihre Abneigung: Sie könne nur Tiere leiden,
die Nutzen hätten, Foxterrier seien überdies abscheulich. Und da
Elfriede leise mit Frau van Loo redete, so wandte sie den Rest ihrer
Auseinandersetzungen wohl oder übel an Pitt, und unterbrach sich nur ein
einziges Mal, als sein Gesicht für einen Augenblick vollkommen vor ihr
verschwand, da ihre Mutter das elektrische Licht wieder abdrehte: Mama,
was sollen diese Späße? Aber Frau van Loo sagte mit ihrer sicheren,
freundlichen Stimme: Mein süßes Kind, ich bin die Herrin im Hause. --
Elfriede hatte ihr inzwischen heimlich mitgeteilt, sie habe noch ein
Gedeck für Pitt zur Abendtafel auflegen lassen, da sie ihn aus Versehen
zum Essen eingeladen habe. Frau van Loo schwieg, dann sagte sie:
Elfriede, dein Sündenkonto steigt immer mehr; wir werden noch abrechnen!
-- Friedrich, der Diener, meldete, das Essen sei bereit. Hedwig wartete
vergeblich, daß Pitt sich nun endlich entfernen würde. Ein schneller
Blick auf den Tisch nebenan überzeugte sie jetzt, daß er zum Abend
eingeladen war. Niemand hatte ihr dies mitgeteilt; sie empfand das als
rücksichtslos. Wer war überhaupt dieser Mensch, der so plötzlich bei
ihnen auftauchte, dessen Namen sie nicht einmal richtig wußte? Wie hatte
Elfriede ihn kennen gelernt? Hedwig war erfahren genug, zu wissen, daß
sie nichts aus ihr herausfragen würde. -- In früheren Jahren war ihr
Elfriede vollständig unterworfen gewesen, mit der Zeit aber war sie in
eine bewußte Opposition zu ihr getreten, hatte sie ihren Einfluß
abgeschüttelt. Hedwig wurde es schwer, auf die gewohnte Macht zu
verzichten, in der Übergangszeit gab es unerquickliche Kämpfe, jetzt
hatte sie allmählich resigniert, und nur gelegentliche kleine
Bitterkeiten und vor allem Bloßstellungen vor andern waren die einzige
Genugtuung für das Verlorene.
Jetzt kam sie sich unwürdig behandelt vor, sie hatte Verantwortung vor
dem Hause im allgemeinen, sie saß pikiert und kühl auf dem Stuhle und
tat als sei Pitt überhaupt nicht da. Dabei brannte ihr die Frage auf der
Lippe, und endlich konnte sie sich nicht länger beherrschen: Woher
kennen Sie eigentlich meine Schwester? fragte sie über den Tisch
hinüber. Der Ton klang für alle unerwartet, so gereizt war er. -- Pitt
fühlte sich augenblicklich in einem altgewohnten Fahrwasser, es machte
ihm Freude, diese junge Dame zu ärgern, und er sagte: Von der Straße! Es
folgte eine kurze Pause. -- Mit andern Worten: Sie haben sie auf der
Straße gesehen und sind dann einfach in unser Haus gekommen? -- Ganz
richtig! entgegnete er in einem Tone, wie etwa ein Lehrer die Antwort
eines Schülers begrüßt, den er auf den rechten Weg geleitet hat. -- Was
für ein kindlicher Grobian! dachte Frau van Loo und sah ihn halb mit
Sympathie, halb mißbilligend an. -- Das ist ja höchst eigentümlich!
sagte Hedwig. -- Eigentümlich? fragte Elfriede, mit einem aggressiven
Blick von ihrem Teller her, ich möchte wissen, was dabei eigentümlich
ist! -- Sagen wir einfach, bemerkte Frau van Loo, und warf einen stillen
Blick zu Hedwig hinüber, Herr Sintrup ist ein Findelkind, das wir in
unserm Hause entdeckt haben. Aber Hedwig reizte dieser Blick, den sie
als eine stumme Zurechtweisung empfand; sie überhörte die einlenkenden
Worte ihrer Mutter, die ihr abgeschmackt erschienen, und fragte mit
plötzlicher Taktlosigkeit, wie sie zuweilen aus ihrem gesellschaftlich
sicheren Benehmen hervorsprang: Woher stammen Sie? Was ist Ihr Vater?
Elfriede legte mit einem Ruck die Gabel auf den Tisch. In diesem
Augenblick trat der Diener wieder ein, Frau van Loo half mit
gesellschaftlichem Geschick über die Situation hinweg. Aber die Stimmung
war einmal gestört, und Elfriede war froh, als das Essen beendet war.
Sie stand einen Augenblick mit Pitt allein im Wohnzimmer, während Frau
van Loo mit Hedwig zurückblieb. -- In Elfriedens Gesicht waren immer
noch Spuren von dem harten, besonderen Ausdruck von vorhin. Wie heftig
sie für ihn Partei genommen hatte! Er betrachtete sie mit Wärme und
wartete, daß sie zuerst sprechen solle. Und doch schoß -- er wußte
selbst nicht wie das kam -- in seinem Gefühl der Dankbarkeit
zwischendurch der wunderliche Gedanke auf: Ob ihr erster Satz wohl mit
Sie oder mit ich anfängt? -- Aber Elfriede schwieg. So redete keines,
bis Frau van Loo eintrat. Jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Spaziergang!
sagte sie und trat zu ihm heran, als er sich langsam in den besten
Sessel niederließ. -- Gerade wollte ich mich da auch niederlassen!
meinte sie in einem freundlich resignierten Ton. Er stand gleich wieder
auf und sagte: Ja, es ist der bequemste Stuhl im ganzen Zimmer.
Eigentlich hatte Pitt keine rechte Lust zu erzählen, aber undeutlich
empfand er sein Benehmen als einen Mißklang zu diesem Raum und zu Frau
van Loo selbst; so überwand er sich und geriet schließlich in ein
fließendes Sprechen; und plötzlich interessierte es ihn selber, zu
erfahren, wieviel von allem in ihm haften geblieben war, und er nannte
so viel kleine Einzelheiten, daß Elfriede ganz erstaunt fragte: Ich
dachte, das hätten Sie alles überhaupt nicht wirklich gesehen und
bemerkt. -- Habe ich auch nicht, aber hier -- er deutete auf seine
Stirne -- hat sich trotzdem alles aufgespeichert. -- Dies erinnerte
Elfriede irgendwie an die Geschichte mit den Eckzähnen und dem
Geburtstag, sie erzählte beides; Frau van Loo hörte etwas skeptisch
lächelnd zu. Wollen Sie den Jungen einmal sehen? fragte sie, und bat
Elfriede den Kasten mit den Photographien zu bringen. -- Hier haben Sie
Harald als Faun verkleidet, von einer Aufführung her. Pitt sah das Bild
einen Augenblick an, fand sein eigenes inneres ziemlich bestätigt und
damit war seinem Interesse Genüge getan; denn er entdeckte Bilder von
Elfriede, die ihn weitaus mehr anzogen, und fragte, ob keine Lupe da
sei. Die übrigen Verwandten, über die sein Blick flüchtig hinging,
beurteilte er nur nach der Ähnlichkeit mit ihr selber, so daß Elfriede
sagte, er täte so, als ob sie die Stammutter des ganzen Geschlechtes
sei. -- Waren Sie einmal so sentimental? fragte er erstaunt, indem er
von einem kleinen Bilde zu ihr aufsah, auf dem ihre Augen groß und
schwärmerisch blickten, unter einer breiten, weichen Haarfrisur. -- Sie
nahm es ihm wortlos aus den Händen, riß es mitten durch und warf es ins
Kaminfeuer. -- Aber Elfriede! sagte Frau van Loo, das wonnige Bild; --
und verlangte, daß sie es wieder heraushole aus den Flammen, die es
schon verzehrt hatten, während Elfriede etwas unruhig auf Pitts Hände
sah, welches Bild von ihr sie nun gefaßt halten würden; das ist Hedwig!
sagte sie; ich würde mich nie im Trauerkostüm haben photographieren
lassen! -- Dies Bild war bald nach dem Tode ihres Vaters gemacht worden,
und Hedwig hatte es Frau van Loo zu Weihnachten geschenkt. Elfriede war
froh, daß sie nicht zugegen war. Gewiß hätte sie jetzt gesagt: Mein
Vater ist im indischen Meer gescheitert, -- mit einem Tone, als wenn sie
sagte: Nelson fiel in der Schlacht bei Trafalgar. -- Mit einem Male
klappte sie den Kasten zu: Sie haben nun genug gesehen! sagte sie in
einem plötzlichen instinktiven Impulse. --
Bald darauf erhob er sich und meinte, er müsse nun nach Hause. Frau van
Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handkuß hin, und als Pitt
begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der draußen im Vorplatz hing,
abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand
geriet, sagte sie: Sollten Sie öfter in unser Haus kommen, Herr Sintrup,
so will ich Sie etwas erziehen; Sie _scheinen_ die Mühe wert zu sein! --
Es kamen jetzt schöne, stille Wochen für ihn. Zum erstenmal in seinem
Leben fühlte er sich glücklich. Das was er gesucht hatte, schien er
gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung
verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu
studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging,
würde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmäßiger zur Universität, und
mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten
Wochen beschäftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank
gesetzt, die Rückenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze
Bemerkungen darüber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war
er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in
der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wäre als die
andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in
Beziehung auf sich selbst, er fühlte sich im Verkehr mit Elfriede
ausgefüllt. --
Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek
ganz zufällig ein philosophisches Werk in die Hände; lange Zeit las er
stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurück,
merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er
sich allmählich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt
erschien. So kam es, daß er auch philosophische Vorlesungen hörte und
die juristischen allmählich ganz vernachlässigte, ohne jedoch seinen
Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.
Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van
Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde
gewählter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein
Benehmen glättete seine etwas ungehobelte Oberfläche; allerdings gab es
darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem übrigen
zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die
geeigneten feinen Messer besaß, gerade über diese Stellen hinzugehen.
Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem
eigenen Zimmer fühlte er sich niemals wohl; dort erfaßte ihn stets die
alte Unruhe, und wie früher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von
Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu können, welche Schäden
und Mängel ihn dazu veranlaßten. -- Ihnen fehlt die Häuslichkeit! sagte
Frau van Loo; Sie müßten Menschen um sich haben, die wirklich für Sie
sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! --
Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner äußeren Existenz.
Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine völlige
Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde,
ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ob er
nicht bei ihnen selbst wohnen könne, aber sie sagte sich sogleich, daß
weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein würden. Da leitete sie etwas ganz Besonderes ein.
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