2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 3

Pitt und Fox 3


Er war sehr überrascht über diese plötzliche Wendung
und sagte zu. Sie verabredeten die Stelle wo sie sich treffen wollten,
dann verschwand sie im Gebäude, nachdem sie noch einen kleinen
spitzbübischen Blick auf ihn zurückgeworfen hatte, als wisse sie etwas
ganz Besonderes. Er hatte wieder Gelegenheit, ihren rhythmischen Gang zu
bewundern, das erste was ihm an ihr aufgefallen war, damals, in der
ersten Zeit, als er immer, wenn er sie sah, den Mantelkragen hochklappte
und wie ein Krüppel tat, aus Furcht, sie möchte ihn sonst für einen Don
Juan halten. -- -- Am nächsten Tag war er pünktlich um die angegebene
Zeit auf der Allee. Lange wartete er vergebens, endlich setzte er sich
auf eine Bank. Guten Tag, sagte da ein halbwüchsiger Knabe neben ihm,
und sah pfiffig in die Luft hinaus. Im selben Moment erkannte er
Elfriedes stumpfes, feines Profil. Die Haare hatte sie unter einer
weichen Mütze verborgen, der dunkelblaue, nur oben leicht geöffnete
elegante Tuchmantel mit den breiten Aufschlägen und den Metallknöpfen
reichte ihr genau bis an die Waden; sie trug schwarze Strümpfe und
Schnallenschuhe, ihr Hals war frei unter dem Matrosenkragen. -- Sehen
Sie, sagte sie stillvergnügt, ohne sich zu rühren, nun haben Sie mich
doch nicht erkannt! Ihr Scharfblick ist etwas mäßig. -- Sie sprang auf,
und wie sie nun dastand, konnte man sie für einen Knaben oder für ein
Mädchen halten. -- Wir nehmen einen Wagen! sagte sie; ich möchte schnell
heraus ins Freie; draußen kann er umkehren und wiederkommen, wenn wir
ihn brauchen. -- Pitt war etwas befangen durch diese neue Wandlung, und
wie sie nun nebeneinander herfuhren, konnte er nicht gleich den rechten
Ton wiederfinden. Zudem sah er sie zum erstenmal im hellsten
Tageslichte, unter einem klaren Himmel. -- Sie lehnte sich zufrieden in
die Ecke zurück. Vorne an der Stirne schauten ein paar blonde Härchen
durch; die Lider hatte sie vor Vergnügen halb geschlossen; mit
Genugtuung lugte sie auf die Menschen, und ihre Lippen spitzten sich
unmerklich, wenn eine ihr bekannte Dame den Blick gleichgültig über sie
hingehen ließ. -- Endlich hielt der Wagen; sie waren im Freien. -- Wo
gehen wir nun hin? fragte sie. Es stellte sich heraus, daß Pitt auch
nicht eine Ahnung von der ganzen Gegend hatte, obgleich er nun schon
seit ein paar Wochen hier war. Er fand solche Frage überflüssig: Man
geht einfach los, wohin die Beine gehen. Irgendwo wird man schon
ankommen. Ein Baum ist ja doch genau so wie der andere! -- Sie wollte
aber ein festes Ziel vor Augen haben: Man geht mit einem ganz anderen
Vergnügen, wenn man weiß, wohin es geht, und mit einem viel
gesicherteren Gefühl; und dann hat man doch auch eine Vorfreude! --
Vorfreude? fragte er, was ist das? -- Ihr fiel etwas Schönes ein und sie
nahmen eine feste Richtung. Sie griff das Gespräch wieder auf: Wenn ich
kein festes Ziel vor Augen sähe, so wäre mir das Leben überhaupt nichts
wert; ich weiß ja nicht ob ich etwas Großes erreichen werde, aber ich
versuche es doch wenigstens, habe den guten Glauben daran und arbeite so
fest los darauf wie ich kann. -- Und wenn Sie es _nicht_ erreichen? --
Sie sah ihn ganz erschrocken an. -- Daran darf man nicht denken; wenn
man gleich so denken will, braucht man überhaupt nicht anzufangen. --
Das soll man auch nicht. -- Aber Sie haben doch auch einen Lebensplan?
-- Er zuckte die Achseln: irgend etwas muß man doch tun. -- Das fand sie
schwächlich und verächtlich und wollte nichts mehr davon hören; es
verderbe ihr die schöne Stimmung. Sie steckte die Hände in die Taschen
ihres Mantels und trat vergnügt einen Stein vor sich her. -- Wissen Sie,
fragte sie nach einer Weile, warum ich mich so verkleidet habe? Erstens
wollte ich Sie anführen, und dann hatte ich die Idee hier draußen mit
Ihnen einen Wettlauf zu machen, um Sie einmal etwas in Gang zu bringen.
Aber ich ahne schon, daraus wird nichts; ich halte Sie für ungeheuer
faul. -- Sie war stehengeblieben und sah ihn wettkampflustig an. -- Erst
später! sagte er; nicht alles gleich auf einmal. -- Sie verließen nun
den Wald und kamen in das offene Feld, zur Landstraße. Und nach einer
Weile fragte sie: Wollen Sie nun _erst_ wettlaufen und _dann_ etwas
essen, oder erst _essen_ und dann _wettlaufen_? -- Erst wettlaufen!
sagte Pitt, der schon gehofft hatte, sie würde das Ganze vergessen.
Sofort zog sie ihren Mantel aus und warf ihn auf die Erde, merkte einen
Baum als Ziel an, kommandierte: los, und Pitt hatte noch ehe er sich in
Bewegung setzte, gerade Zeit genug zu denken: was ist dies für ein
Blödsinn! Hätte ich sie doch niemals kennen gelernt! Aber dann drohte
sie ihn zu überholen; er mußte seine ganze Kraft anstrengen, an ihrer
Seite zu bleiben; sie erreichten das Ziel gleichzeitig, aber Elfriede
rief: weiter, bis zum weißen Stein; und nun überholte sie ihn, prallte
an einen Baum, umarmte ihn und rief: ich bin die erste! Die Haare hingen
ihr zerzaust vom Wind um den Kopf, die Mütze hatte sie hinter sich
geworfen als sie sich löste. Sie sah Pitt erschöpft und vergnügt an und
sagte ohne jeden Zusammenhang: Wissen Sie, daß ich gestern in Gedanken
»Schaf« zu Ihnen gesagt habe?
 
Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen in einer kleinen
Bauernwirtschaft, unter niedrigen Bäumen. Elfriede hatte das Laufen gut
getan, sie war mitteilsam und vergnügt geworden, hatte ihren früheren
Ernst ganz aufgegeben und antwortete nicht mehr so sachlich und
gründlich auf seine Meinungen und Ansichten, worüber er sich innerlich
vorher geärgert hatte. Dafür erzählte sie jetzt eine Menge Geschichten,
wie sie ihr gerade einfielen, aus ihrer Kindheit, von ihren
Geschwistern, und schließlich von ihren verschiedenen Stunden. Sie hatte
noch immer Unterricht in einigen Fächern, besonders in der Mathematik,
die ihr viel Freude mache. Ihr Mathematiklehrer heiße Herr Könnecke, den
müsse Pitt unbedingt einmal kennen lernen, denn er sei sehr komisch:
Früher war er noch mein Rechenlehrer und kam stets nachmittags; ich
hatte ihn immer gern, aber ich mußte ihn ärgern, das ging gar nicht
anders. Und Harald, mein Bruder, der jetzt fort ist, in Pension, und dem
der Anzug hier gehört, war mit im Bunde: Er stellte sich unten ins
Vestibül und durchweichte Herrn Könneckes Hut und Mantel mit der
Blumenspritze. Nach der Stunde ging ich dann mit hinab, Herr Könnecke
zog sich an, fühlte die Nässe und sagte: das ist ja mal wunderbar! Ich
wußte gar nicht, daß es geregnet hatte. Und dann fand er seinen Schirm,
der aus Versehen trocken geblieben war, und forderte mich auf zu äußern,
was ich meine. Ich stand da ganz verlegen, währenddessen war ihm die
Sache selber klar geworden und er belehrte mich: Der Schirm, so sagte
er, muß noch vom letztenmal her stehengeblieben sein, eine andere
Erklärung ist unmöglich! -- Sie lachte selbstvergessen hell auf in der
Erinnerung, ein leises kindliches Jauchzen, und Pitt sah sie voll
innerer Freude an. Und wie sie nun weiter erzählte, achtete er kaum auf
ihre Worte, sondern sah nur immer auf ihren Mund, auf ihre Nasenflügel,
die sich leise mitbewegten, und in ihre hellen Augen, deren Winkel sich
manchmal lustig zusammenzogen, und dann wartete er darauf, ob auch ihre
Hände, ihre schlanken Finger, die so fest und wohlgebildet waren,
mitsprechen würden, und er versetzte sich so sehr in die ganze Art ihrer
Bewegungen, daß er einmal aus Versehen den Arm leise miterhob. -- Nun
erzählen Sie aber auch einmal etwas von sich selbst! sagte sie endlich,
indem sie ihm den Teller mit dem letzten Stück Kuchen hinschob. Ich habe
Ihnen doch auch soviel von mir erzählt. -- Von mir? fragte er und setzte
nach einer Pause hinzu: das würde nicht auf all das Schöne passen, was
Sie mir gesagt haben; meine Erinnerungen sind wie eine farblose Masse in
einem Eimer, und wenn ich da hineingreife, finde ich nichts Festes und
es ekelt mich nur. -- Aber das muß ja furchtbar sein! sagte sie und sah
ihn ganz erschrocken an. Haben Sie denn nie einen Menschen lieb gehabt?
-- Er besann sich, was er hierauf antworten solle, denn alles was er
hätte sagen können erschien ihm dumm. Sie empfand plötzlich, daß ihre
Frage zu nah gewesen sei. -- Sie haben einen Bruder? fragte Pitt, der
das Gespräch von sich ablenken wollte; sieht er Ihnen ähnlich? -- Sie
nickte voll Stolz für sich selber, da sie Harald so sehr lieb hatte:
Früher war er immer voll toller Streiche; er wurde zu wild bei uns.
Anfangs hatte er noch Angst vor Hedwig, aber dann kam es einmal zu einem
schrecklichen Auftritt zwischen ihnen. Nun ist er fort, und wenn er nach
Hause kommt ist alles wunderschön. -- Pitt blickte auf den Anzug, und
die Vorstellung, den Knaben, ihren Bruder, darin zu sehen, wurde so
stark in ihm, daß er auf einmal schnell den Kopf hob und fragte: Hat er
nicht ganz spitze Eckzähne? So sehe ich ihn vor mir! -- Sie sah ihn
überrascht an, indem sie es bestätigte: Niemand weiter von uns hat
solche Zähne! -- Hören Sie! unterbrach sie sich selbst, indem sie den
Finger hob. Dicht über ihnen schmetterte ein kleiner Vogel seinen Ruf.
-- Ist das eine Drossel? fragte Pitt; eigentlich kannte er nur
Sperlinge, und glaubte durch diese Namensnennung schon Naturkenntnisse
zu zeigen. Sie schüttelte den Kopf: Ein Fink ist es, sehen Sie, da oben
sitzt er! Sie beugte sich etwas vor und sah vorsichtig hinauf. Das
kleine Tier hatte seine Tonkaskade noch einmal in die Luft geschleudert,
daß sich die feinen Federn an seiner Kehle sträubten, jetzt senkte es
den Kopf neugierig, mißtrauisch nach unten, stemmte sich einen Moment
halb unschlüssig mit den Füßen gegen den Zweig und flog davon. Pitt sah
ihm gutwillig nach.
 
Die Sonne warf jetzt schräge Strahlen durch die Baumstämme. Wir müssen
fort! sagte Elfriede, sonst kommen wir zu spät. -- Auf dem Wege fiel ihr
wieder ein, wovon sie zuletzt geredet hatten, und sie fragte ihn noch
einmal, woher er das mit den Eckzähnen wisse. -- Er lachte: das dachte
ich mir bloß, es hätte ja ebensogut nicht stimmen können. -- Sie fand
das sehr sonderbar. -- Ebenso, sagte er nach einer Weile, bilde ich mir
eben, wo ich darüber nachdenke, ein, daß Sie nur im Februar Geburtstag
haben können, ich weiß selber nicht weshalb. -- Sie blieb stehen: _Das_
hat Ihnen aber jemand gesagt! Von selber können Sie das nicht wissen! --
Er lachte belustigt über ihre Sicherheit, schüttelte den Kopf, und so
mußte sie ihm endlich glauben. Und nun fühlte sie etwas wie Respekt vor
ihm. -- Sie erreichten den Wagen, der an der Waldecke hielt, und fuhren
zur Stadt zurück. -- Sie kommen doch mit zum Abendessen? -- Als er mit
der Antwort zauderte, fuhr sie bekräftigend fort: Sie müssen mit! Sie
werden doch erwartet! -- Erwartet? fragte er; das klingt ja gräßlich.
Sie verstand das nicht und sagte, es sei doch ein ganz gebräuchliches
Wort. -- Ich finde, beharrte er, es klingt furchtbar; nach
Vorbereitungen, Händedrücken und Verbeugungen. -- Übrigens entsprachen
seine Befürchtungen nicht der Wirklichkeit. Frau van Loo hatte keine
Ahnung, daß Elfriede mit Pitt spazieren ging, erwartete ihn also auch
nicht zum Essen. Elfriede hatte ihr am Morgen von ihrer Bekanntschaft
mit Pitt erzählt, sie hatte schweigend zugehört und dann gesagt: Er soll
einmal zum Tee kommen, da werden wir ihn dann besichtigen. -- Auf diesen
Worten fußend, dachte Elfriede, sie dürfe sich wohl auch erlauben, ihn
gleich zum Abendessen mitzubringen. -- Ich bin im Augenblick wieder da!
sagte sie leise zu Pitt, als sie nun zu Hause in der Halle standen; ich
will nur schnell hinauf und mich umziehen. Meine Mutter soll nicht
wissen, daß ich in Haralds Anzug mit Ihnen spazieren ging, und Hedwig,
wenn die es erführe -- sie würde acht Tage lang darüber reden. Gehen Sie
ins Flügelzimmer, dort sind Sie allein! Und ehe er sich besinnen konnte
zu fragen, wo das Flügelzimmer sei, war sie schon die Treppe
emporgelaufen. Da stand er nun, sah sich die verschiedenen Türen an und
dachte endlich: Ich gehe hier hinein. --
 
Unter einer breiten, mit schwarzrotem Stoff verhängten Lampe, die ihr
Licht voll nach unten warf, saß eine stattliche Dame mit jugendlichen,
schönen Gesichtszügen und schimmernd silbernem, vollem Haar. Langsam
wandte sie den Kopf zu ihm von ihrem Buche.
 
Pitt konnte nicht mehr zurück. -- Wenigstens, so dachte er in aller
Schnelle, ist kein Vater da. Er hatte im Adreßbuch gelesen, daß sie die
Witwe eines Großkaufmanns war. Langsam näherte er sich ihr und blieb
endlich stehen, indem er eine etwas linkische Verbeugung machte. Sie zog
die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, ohne ihre Stellung zu verändern
und sagte mit gemäßigtem Erstaunen und einer Stimme, die merkwürdig
gesichert klang: Wer sind Sie denn und wie kommen Sie so plötzlich hier
herein? Pitt nannte seinen Namen; Frau van Loo schien einen Augenblick
nachzudenken, dann führte sie den Blick auf ihn zurück und sagte: Ach
Sie sind der, mit dem meine Tochter gestern spazieren gegangen ist. Und
sah ihn mit einem Blick an, als wolle sie sagen: Eigentlich finden Sie's
auch wohl ein wenig komisch. -- Heute auch, sagte Pitt. -- Heute auch?
-- Davon hat mir Elfriede nichts gesagt, dachte sie. Sie hieß ihn Platz
nehmen, sagte mit fast naiver Freundlichkeit: Was für ein Mensch sind
Sie eigentlich? und sah dabei ohne allzu große Besorgnis auf sein
Gesicht, das ihr wie das eines frühreifen, etwas melancholischen Kindes
erschien. Aber ehe er irgend etwas antworten konnte, ging die Tür auf
und Elfriede trat herein, noch immer in ihrem Knabenkostüm. -- Ich
wollte mich eigentlich umziehen, aber ich finde es dumm, dir nicht zu
sagen, daß ich in Haralds Anzug ging. Ich hatte ja außerdem den langen
Mantel darüber! Frau van Loo verschwieg etwas, musterte sie und sagte:
Sollte dieser Offenheit nicht etwas Eitelkeit zugrunde liegen? Dann
entließ sie sie mit einem nachlässigen, zärtlichen kleinen Schlage ihrer
Fingerspitzen. -- Elfriede zog sich wieder zurück, und gerade, als Frau
van Loo ihr Gespräch mit Pitt wieder aufnehmen wollte, ward draußen eine
Damenstimme laut, die äußerst gelenk klang und so, als sei sie gewohnt
zu reden und gehört zu werden. Hedwig trat ein, dieselbe Hedwig, die
Pitt am ersten Tage flüchtig sah, und von der Elfriede erzählte, sie
habe jenen schrecklichen Auftritt mit Harald gehabt. Pitt ward
vorgestellt, sie erkannte ihn augenblicklich, schien überrascht, nickte kühl mit dem Kopfe und sagte:

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