2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 6

Pitt und Fox 6



Nach der ersten Begrüßung machte ihm Herr Sintrup Vorwürfe, daß er
niemals schreibe, daß er keine von den Besuchen gemacht habe, zu denen
er ihm die Empfehlungen gab, daß er so oft von einer Wohnung in die
andere ziehe, und endlich, daß er nicht einmal auf den Bahnhof gekommen
sei. -- Pitt wußte für all dieses Gründe anzugeben, die Herr Sintrup
sämtlich für nicht stichhaltig erklärte. Er nannte ihn einen verlorenen
Sohn, an dem seine Eltern keine Freude erlebten, und als er die vielen
philosophischen Bücher auf seinem Tische liegen sah, verlangte er, daß
da in Zukunft nur juristische zu liegen hätten. Pitt versprach alles was
er wollte, und damit war dies Kapitel, wie Herr Sintrup sich ausdrückte,
erledigt. Während sein Vater sprach, wunderte sich Pitt darüber, wo die
Kognakflasche herkam, aus der er sich ganz in Zerstreutheit ab und zu
ein Gläschen einschenkte, das er auf einen Zug leerte. Donnerwetter!
sagte Herr Sintrup, als sie sich endlich erhoben, um zum Mittagessen zu
gehen -- Fräulein Nippe zog sich bei dem Geräusch sofort zurück -- mir
ist so schwer in den Gliedern! Herr des Himmels, jetzt habe ich der den
halben Kognak ausgetrunken! Alter, französischer Kognak, das muß ein
Erbstück sein. Ich muß ihn ihr irgendwie ersetzen. Er zog ein Goldstück
aus dem Portemonnaie, warf es auf den Tisch und sagte, damit möge ihr
Pitt die ganze Flasche abkaufen, es wäre gut bezahlt. -- Das geht nicht;
sagte Pitt. Herr Sintrup dachte nach: Immerhin war sie eine Dame! Es
fiel ihm ein, was sie vorhin für Augen machte, als er vom Abendessen im
Hotel redete, und er sagte zu Pitt: Ich könnte mich ja revanchieren,
indem ich sie für heute abend ins Hotel lade! Nebenbei wäre es ein gutes
Werk, die mal recht vollzufüttern, denn sie sieht höllisch mager aus.
Überaus bedeutend ist sie zwar nicht, aber sie hat doch ein ganz nettes
Wesen! -- Pitt war damit einverstanden; er brauchte dann nicht den
ganzen Abend mit seinem Vater allein zu sein. Fräulein Nippe wurde
geholt, sie nahm strahlend und dankend an, und Herr Sintrup machte
verwunderte Augen, als sie auch im Namen ihres Vetters dankte. -- Um so
besser, dachte Pitt.
 
Endlos lange saßen sie mittags im Restaurant, Pitt rauchte eine
Zigarette nach der andern, nur um irgendeine Ablenkung zu haben. Er kam
sich wie in einer Verbannung vor, zurückversetzt in seine Vaterstadt,
abgeschnitten von aller Freiheit, obgleich es sich ja nur um Stunden
handelte. Herr Sintrup fragte nach seinem Verkehr. Pitt nannte das Haus
van Loo. -- Herr Sintrup nahm die Zigarre aus dem Mund: Die Amsterdamer
van Loos? Verkehrst du da viel? -- Jeden Tag. -- Ist da eine Tochter? --
Kennst du denn die Familie? fragte Pitt zurück. -- Und ob! natürlich
nicht persönlich. Er warf Pitt einen verschmitzten Blick zu: Junge,
Junge, das könnte ja mal etwas Famoses werden! Du mußt es nur richtig
anstellen; wie bist du denn da hineingeraten? Und Herr Sintrup erzählte
die Geschichte von dem Vater, der im indischen Meer ertrank. -- Die
Familie erschien Pitt plötzlich in einem fast trivialen Lichte; bisher
hatte er ein Gefühl gehabt, als sei sie eigentlich nur seinetwegen
vorhanden; nun erfuhr er, daß der Name eine »Weltfirma« sei. -- Die
Familie halte dir warm! fuhr sein Vater fort, _die_ Marke ist ff! Hat
zwar jetzt direkt mit der Firma nichts mehr zu tun, profitiert aber noch
kolossal davon. Ja so was lasse ich mir gefallen! Hast du noch mehr von
der Sorte? -- So fragte Herr Sintrup und machte animierte Augen. Pitt
dachte: Ganz genau so wird Fox einmal werden! -- Und als ob dessen Geist
ungesehen im Zimmer schwebte, fuhr Herr Sintrup fort: Das muß ich Fox
erzählen! Das wird dem Eindruck machen! Übrigens: könnte die denn heute
abend nicht mitkommen?! Wenn ich nun vorher einen Besuch in der Familie
machte? Das ginge doch prächtig! -- Pitt wurde rot und sagte: auf gar
keinen Fall! -- Sein Vater mißverstand dies, drohte ihm schalkhaft mit
dem Finger und meinte: ^Noli turbare circulos meos^ -- das ist das
einzige, was ich noch vom Lateinischen behalten habe. -- Dann schwiegen
beide wieder, und Herr Sintrup, der schon vorher von Zeit zu Zeit etwas
abwesend schien -- Pitt schob dies auf die vielen Kognaks -- sagte
plötzlich wie nach einem Entschlusse: Ja, wenn du mich jetzt verlassen
willst -- ich habe noch ein paar Geschäftsbriefe zu schreiben, und
nachher möchte ich ruhen. Er zog seinen Füllfederhalter und einige
Blätter Papier hervor, und Pitt war froh, für den Nachmittag frei zu
sein. Draußen atmete er auf. Er wollte sofort zu Elfriede gehen, ihm
war, als sei er seit Wochen nicht bei ihr gewesen. -- Wie er so an
seinen Vater dachte, blieb er plötzlich mitten auf dem Platze stehen,
sah auf das Restaurant zurück, in einem halbklaren Gedanken, der -- er
wußte selbst nicht wie -- ihm durch den Kopf geschossen war, dann ging
er sehr schnell zurück und lugte vorsichtig durch die Fensterscheibe:
Herr Sintrup saß jetzt an einem andern Tisch, neben einer Dame, die Pitt
zwar vorher auch schon bemerkt aber nicht beachtet hatte. Sie hielt den
Blick nicht ohne Wohlwollen auf Herrn Sintrup geheftet, antwortete ab
und zu, und schließlich sah Pitt, wie erst sein Vater, dann die Dame die
Uhr hervorzog, und wie sie die ihrige nach der seinigen richtete. Dann
legte Herr Sintrup leise seine Finger über ihre Hand und sah ihr
freundlich in die Augen. Pitt wandte sich vom Fenster ab und schritt
wieder über den Markt. Nie hatte er einen starken Zusammenhang mit
seiner Familie gehabt; aber nun war ihm doch, als wäre die Wand eines
altbekannten Zimmers eingerissen, so daß ein neuer Raum entsteht, der
nur halb der alte ist, und in dem man sich mit einem Gefühl der
Fremdheit und des Fröstelns umsieht. Eigentlich müßte ich ja nun wohl
entrüstet sein, dachte er; aber es wollte kein ähnliches Gefühl in ihm
aufkommen; ja, sein Vater kam ihm bemitleidenswert vor. Derartige
Erlebnisse bildeten jedenfalls Lichtpunkte in seinem arbeitsvollen, öden
Dasein. Ob solche Lichtpunkte wohl öfters eintraten? Ob seine
Geschäftsreisen wohl meist so menschlich schlossen? Und ob wohl seine
Frau, Pitts Mutter, um diese Erlebnisse wußte? -- Er machte eine
Bewegung, als wolle er alles von sich abschütteln, und läutete schärfer
an der Glocke des van Looschen Hauses als sonst, so daß der Diener
Friedrich ganz verwunderte Augen machte.
 
Frau van Loo empfing ihn: Gut, daß Sie kommen! Hören Sie! Elfriede übt
ihre Etüde eben zum siebenundzwanzigstenmal, und darin kommt ein Akkord
vor -- im selben Augenblick hörte man einen schrillen Klang -- sie hielt
die Hände an die Ohren und fragte dann: ist er noch da? -- Darauf ging
sie langsam zur Tür, rollte sie auf und rief Elfriede zu, sie habe
Besuch. -- Ja! antwortete sie, und ihre Stimme klang ganz abwesend. Frau
van Loo zog sich zurück. -- -- Pitt ging auf sie zu und faßte ihre
beiden Hände. -- Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt. Er wollte mit
ihr spazierengehen -- nur eine einzige Stunde! -- Elfriede hörte kaum
zu; mit geröteten Backen saß sie da, ihre Gedanken irrten fortwährend zu
ihrer Etüde zurück. -- Auf keinen Fall! sagte sie, o, ich bin in so
herrlicher Stimmung zum Arbeiten, -- und ich kriege es auch noch, fügte
sie, schon wieder abgelenkt, hinzu. -- Sie sollen aber mit mir gehen!
sagte Pitt heftig, ich halte es einfach nicht mehr aus! Und wenn Sie
jetzt nein sagen, komme ich nie wieder zu Ihnen, denn dann sehe ich, daß
Ihnen meine Freundschaft gar nichts wert ist. -- Elfriede sah ihn ganz
erstaunt an: War dies Pitt Sintrup, der so heftig reden konnte? Fast wie
selbstverständlich gab sie nun ihre Einwilligung, und jetzt erst fiel
ihr ein, daß wohl alles mit seinem Vater zusammenhänge. -- Frau van Loo
war sehr zufrieden, als sie hörte, Elfriede wolle gehen. Sie hatte sich,
wirklich erschöpft durch die Töne, zum Ruhen hingelegt; wohlig schaute
sie aus ihren weichen Decken und Fellen heraus, mit ihrem
silberglänzenden, vollen Haar und den schön geformten, großen
Wangenflächen, auf denen sich zwei kleine Grübchen bildeten, als sie,
ohne ihre Haltung zu verändern, die Augen zu Elfriede gehen ließ und
sagte: Weißt du, was ich gerade in aller Schnelligkeit geträumt habe?:
Harald sei da und setzte mir einen Kranz von Kirschen auf den Kopf.
Harald hat doch zu hübsche Ideen! -- Als Pitt und Elfriede das Haus
verlassen hatten, ging sie, nachdem sie genug geruht, in das
Musikzimmer. Und als es später zu dunkeln begann, erleuchtete sie den
ganzen Saal, um sich einzubilden, Elfriede übe. Das war viel angenehmer
als sie wirklich üben zu hören.
 
Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das
Gewölk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes
Hellblau geworden, so tief, daß man endlos weit hineinschauen konnte,
und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten,
Vögel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten
immer in die höchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen,
obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die
Sonne nur am Abend, und von allen Bäumen liebte er nur die Pappeln, mit
ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren Ästen, diese Bäume, deren
Anschauen weit weg führt von den Menschen und von allem, was mit der
Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schönen Stimmung. --
 
Wenn das Leben immer so wäre wie in diesem Augenblick, sagte er nach
einem Schweigen, wie wundervoll wäre das; aber man darf es nicht
aussprechen: sogleich wird alles trivial. -- Wenn ich Sie so reden höre,
antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schön, so
etwas auszusprechen; wäre man immer stumm, so würde der andere niemals
wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus!
Es tut mir doch wohl, zu fühlen, wenn ich einem andern wohltue. -- Sie
schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem,
langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wären. -- Wissen
Sie, sagte er nach einer Weile, daß mein Vater auf den Gedanken kam, Sie
für heute abend einzuladen? -- Sie war zunächst überrascht, dann aber
sagte sie mit einem Entschluß: ich gehe mit. -- Er nahm dies anfänglich
als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es muß mich doch
interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz
egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause würde sie
telephonieren -- sprach sie weiter -- sie gehe ins Theater -- so sehr
lange würde das Zusammensein doch nicht währen -- morgen früh oder ein
andermal würde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht
mehr so schlimm wäre. -- Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so
gern mögen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! -- Erst recht, wenn ich
den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fügte sich. -- Als es endlich
Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie über dem Reden stehen
blieben und langsam umkehrten, warf sich plötzlich ein kleines, weißes,
lebendiges Paket gegen Elfriedes Körper. Es war das Hündlein, welches
sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wußte, daß es
eigentlich zu Hause bleiben müsse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso
heim und es könne sich somit durch sein plötzliches Zuerkennengeben
nichts mehr zerstören. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen
Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine
Schildwache, den Rücken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund,
hob die Pfoten und blickte vernünftig drein aus seinen rötlich
umränderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht
genügend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es
völlig, lachte und stieß es leicht vorwärts. Es schnellte bis zur
nächsten Straßenecke, blieb dann stehen, da es nicht wußte, ob man sich
nach links oder geradeaus wenden würde, kam wieder zurück, bewegte
ausnehmend läppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den
Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt,
führt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt,
kennt keine Konflikte; Wollen, Fühlen, Handeln, alles ist wie ein
einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivität!
 
Haben gnädiges Fräulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprößling meines
armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrüßung
die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle
Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darüber, wie
angemessen der Ausdruck sei, in Rücksicht der »Weltfirma« der van Loos.
-- Elfriede hätte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr
dieser Mann vor, der in so untertänigem, devotem Tone zu ihr sprach.
Dies war Pitts Vater?! Er ließ seine Augen voll und biedermännisch auf
ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu
verändern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das
geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch
Herr Könnecke! Jawohl, rief Pitt, und Fräulein Nippe wird auch noch
erwartet! -- Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz
schlichtes, einfaches Souper -- und läutete dem Kellner, noch ein Gedeck
mehr aufzutragen. Herr Könnecke, der sich bescheiden zur Gardine
zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab -- er war
bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen
geraten -- und begrüßte Elfriede mit einem kavaliermäßigen Bückling.
Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschärft, sich möglichst
weltmännisch zu benehmen und »das schwere Brot der Schule hinter sich zu
werfen«. -- Und gnädiges Fräulein sind so vielseitig talentiert, wie mir
Herr Könnecke mitteilte? Haben Interesse für Mathematik, für Kunst und
Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie
hierüber in ein Gespräch fest. Herr Könnecke, eingedenk der Ermahnungen
seiner Cousine, wartete immer darauf, daß er auch ein Wort in die
Unterhaltung einwerfen könne, fand den Moment aber nie, ähnlich einem
alten Herrn, der noch gern Karussell fahren möchte, das Ding schon in
Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie
vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschließt, wenn es schon zu
spät ist, und nun warten muß bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt
ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, wandte er sich möglichst unbemerkt
zur Seite und sprach zu dem Hündchen ein freundliches Wort. Es kam auch
sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergnügt sein
Stummelschwänzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen
in die Höhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten
fortzudrängen. Es ließ sich jedoch nicht beirren, und schlug schließlich
mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, daß ihm Angst wurde.

댓글 없음: