Pitt und Fox 7
Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, -- aber seine
Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich -- es sah
niemand hin zu ihm -- packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja
schließlich doch nur ein Hund! -- leicht im Genick und gab ihm, selbst
erschrocken über seine Kühnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur
Seite. Das Hündchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Könnecke erhob
sich rasch, trat möglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht
wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die gründlichste; ich
meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert -- --
er wußte nicht weiter. -- Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede,
die ihm helfen wollte. -- Die kommt bald! sagte Herr Könnecke lebhaft,
so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei
erst jetzt der eigentliche Gesprächsstoff erreicht. Und als ob seine
Worte eine Beschwörungsformel gewesen wären, die Fräulein Nippe bei den
Haaren gepackt, durch die Straßen geschleift und vor der Tür abgesetzt
hätte, öffnete sich diese, und Fräulein Nippe, mit etwas zerzauster
Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Fülle von
Blumen. Sie sah lächelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht,
wen sie zuerst aus ihrem Füllhorn überschütten solle, entdeckte
Elfriede, ließ sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine
Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls
eine gewählt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und
sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederließ.
Der Diener meldete, das Essen sei bereit. -- Mit den Blumen, sagte Herr
Könnecke, wollen wir die Tafel schmücken, das macht man immer so in
feinen Häusern! -- Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte
ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Fräulein Nippe
überwand schnell eine kleine Enttäuschung und näherte sich Pitt. Der
blickte zurück auf Herrn Könnecke, der mit seinen Blumen bepackt
dastand. Gewinnend lächelnd sah sie ihn an, und -- hast du nicht
gesehen! -- fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Könnecke folgte, das
Hündlein machte den Beschluß, zerstreut die Ohren hängen lassend, bis
ihm plötzlich einfiel, daß es zu Elfriede gehöre. Es jagte hinterher,
witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, schoß an ihr vorbei und
gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mußte sich dann
aber bescheiden zu Elfriedes Füßen setzen. -- Ist das aber mal ein
schönes Zimmer! sagte Herr Könnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede
meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewöhnt sein. Seine
hochzeremonielle Anrede vergaß er nach und nach.
Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum -- Herrn Sintrups Bemerkungen
enthielten vorläufig fast ausschließlich diesen Kern, verhüllter oder
nackter -- irritierten Elfriede allmählich, nachdem sie zuerst innerlich
gelacht hatte. Fast unbewußt sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt
hinüber, der sich begnügte ein spöttisches Gesicht zu machen. --
Fräulein Nippe bedauerte, daß die Suppe schon in den Tellern stand; sie
hätte sie so gerne aufgefüllt! Sie ließ ihre Augen kontrollierend über
die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und
wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der
jetzt lebhaft zu Elfriede über Knallbonbons redete: die müßten an einem
Weihnachtsbaum hängen, er selbst habe sich seinerzeit unter
Knallbonbonsschüssen verlobt -- verstand halb ihr Wort und ihre
Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und
warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschäftige
du doch diese Dame! Das Hündlein, das hervorgekommen war, mußte sich
wieder zurückziehen. Fräulein Nippe fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und
doch: wie echt männlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich,
heute früh war Herr Sintrup etwas liebenswürdiger gewesen; das war aber
ganz natürlich! Jetzt saß eben eine Jüngere an seiner Seite, und da
folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos
war, daß sie bei ihm Hausdame werden könnte?!
Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gespräch zu kommen, und wandte
sich an Pitt, mit dem Herr Könnecke eine Unterhaltung führte über
Stunden im allgemeinen und im besondern. -- Was ist dies für ein Fisch?
fragte sie und deutete auf das viereckige grauhäutige Stück auf ihrem
Teller. Pitt überhörte dies, aber sie faßte ihn am Ärmel. -- Das ist
eine Forelle! -- Wie interessant! Sie nickte zartfühlend, als habe er
ihr etwas Diskretes mitgeteilt. -- Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten
aus seinem Gespräch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal,
daß du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu
Hause gegessen, und Forellen womöglich noch öfter? Er erklärte den Namen
Steinbutt und forderte Fräulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da
fände sie die Steine drin. Fräulein Nippe fand sie wirklich, war aber im
Zweifel, ob das nicht eine neue Irreführung sei, und äußerte sich nicht
weiter. Herr Könnecke aber erzählte eine Geschichte: wie er als Junge
einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der
gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber
das Tier hätte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so
erbarmungswürdig angesehen, daß er es schnell in die Freiheit
zurücksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, daß er eine
Tierquälerei beging. -- Fräulein Nippe fand diese Erzählung
uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darüber zu
debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger sänge oder aus Liebe. Sie
glaube nun und nimmer, daß sie des Hungers wegen sänge -- dann würde sie
doch einfach fressen. -- Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch
ein, der immer nur auf das hörte, was sein Vater sprach. -- Liebe ist
allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tüchtigen Schluck Wein. Und
dann redete sie von den schwülen Sommernächten, in denen man sich
ruhelos auf seinem Lager wälze, so daß das Bettuch am nächsten Morgen
ganz zerknüllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die
Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines
bengalischen Lichtes betrachtet!
Selma kucke mal! sagte Herr Könnecke und hob seine Roastbeefscheibe an
der Gabel hoch. -- Was willst du denn? -- Nichts, ich freue mich nur. --
Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, daß während wir hier
schwelgen, Tausende von Menschen hungern -- und sie führte dies des
weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drückt Sie ein
Kummer? Mir können Sie ihn erzählen, es gibt doch nichts Größeres als
einen Menschen aufzurichten! -- Können Sie schweigen? -- Vollkommen!! --
Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! -- Fräulein Nippe durchfuhr es
unbehaglich. Aber vielleicht mußte er sich erst sammeln für seine
Geschichte? -- --
Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleißig zugesprochen, war sehr
lebhaft geworden, erzählte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten
Hotels, in denen er je abgestiegen war; überall dienerten die Portiers
schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er
zählte die besten Weine auf und betonte, daß auch in seinem Hause gut
gelebt würde, wenn er es sich auch nicht gestatten könne, so wie die
Großherrn der Hansastädte Feste zu geben, die gleich in die Tausende
gingen. Aber hoch in die Hunderte -- so log er -- ist es bei uns auch
schon oft gegangen. Er ließ sich in seinen Übertreibungen immer freieren
Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es
gern gesehen hätte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig
teilgenommen, und sich darauf beschränkt, mit anscheinender Kindlichkeit
seinen Vater öfter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann
Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und ärgerte sich
dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehört, um
seinen Vater richtig zu beurteilen, beschloß er, ihn gleichsam in der
Idee seines Wesens ihr vorzuführen: Anstatt ihn zurückzuhalten, spornte
er ihn möglichst an, sich selbst zu überbieten, und um ihm dies noch zu
erleichtern, begann er, erst leise, dann stärker, seine Bewegungen,
seinen Tonfall nachzuahmen, schließlich kopierte er ihn geradezu in
seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit
unverfrorener Miene stellte er die gröbsten Behauptungen über das Leben
zu Hause auf, und Herr Sintrup bekräftigte dann jedesmal seine Worte, so
wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden
derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten
Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt.
Endlich, so dachte er, fängt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich
hinaus will. -- Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er
nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, daß sie ihn kaum mehr
erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich -- dessen Sohn er
doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand
zwiespältig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte
sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner
etwas zurief, flüsterte sie ihm zu: Pitt, ich _kann_ dies Wesen nicht
länger ertragen! -- Und wie Herr Sintrup seine Sätze wieder aufnahm,
wandte sie sich an Herrn Könnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu
erklären, die sie für ihn zu lösen hatte. Herr Könnecke zog seinen
Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen,
die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup riß
ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinüber, um
mitzulernen, wie er sagte, während Elfriede ein wenig zur Seite wich.
Herr Könnecke wurde sehr gründlich, und seine Stimme war genau so wie in
der Schule. -- Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe
nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. -- Das
Quadrat sitzt hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf eine Linie. --
So? na, gut, daß man das weiß; _ich_ sehe es immer noch nicht! -- Es ist
auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Könnecke. -- Wer
zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun
lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? -- Herr
Könnecke sah ihm starr in die Augen: Da _muß_ aber ein Quadrat sitzen!
sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. --
Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen
Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat
und der gleich darauf ins Zimmer tritt. -- Das ist ein schöner Beweis!
rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz über die Linie und sagte: ist es nun
da oder nicht?! -- Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem
er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. -- Ein jeder hat sein
Kreuz zu tragen! seufzte Fräulein Nippe, und wenn man meine alle sähe --
ich sähe aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herüber und
dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das
eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! --
Herr Könnecke runzelte die Stirn. In der Schule würde er jetzt gesagt
haben: Och bitte wollt Ihr nicht gefälligst ruhig sein! -- Dann dämpfte
er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch
andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und überhörte Herrn
Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort »Quadrat«
immer durch das Wort »Kreuz« zu verbessern, oder zu »durchkreuzen«, wie
er sagte. --
Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schön mit ihr im
Gange, und Pitt ist doch ein prächtiger Junge! -- Er sann über einen
neuen Witz nach, fand aber keinen, fühlte sich infolgedessen, unbeachtet
wie er war, plötzlich auf einem allgemeinen öden Nullpunkt, trommelte
mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.
댓글 없음:
댓글 쓰기