2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 10

Pitt und Fox 10


Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem
eingerichtet war. -- Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange,
schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen!
-- Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre
Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. -- Du bist so gut! sagte er
und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie
traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel
ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in
den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von
ihrer Schulter. -- Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. --
Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte
und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch
ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie
fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten
wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.
 
Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank
gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ,
auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der
Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist,
magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine
vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.
 
Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch:
Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie
sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben
habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch,
dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen?
-- Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte,
und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre
ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du
doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! -- daß sie ihm schließlich alles
erzählte. -- Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher?
-- Sie sah ihn verwundert an. -- Du liebst ihn doch natürlich. -- Sie
wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten
gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und
wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins
Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach
habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf
der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas
Wundervolles! -- Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. --
Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! -- Das Hündlein
nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust,
er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er
küßte es auf die Schnauze. -- Wenn das die Komtesse sähe! -- Mit der
Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich,
denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.
 
Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten.
Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden
und hatte wie im Fieber gelegen. -- Das macht der Unterschied der Luft!
sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! -- und reichte ihm
noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.
 
Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah
auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh
taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das
soll ich nun viele Wochen aushalten?
 
Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger
Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt
waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier
keinen einzigen Tag verbracht.
 
Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte
ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei
sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede
dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte
sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg
und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine
Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause
zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er
in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn
er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle
Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille
sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie
wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man
habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem
Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei.
-- Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht
beirren. -- Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng
zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel
deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer
kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in
übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt
blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von
vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen
Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig,
sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in
der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den
Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in
grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß
er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen
Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu
einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern
zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht,
wenn er die Rede auf Hedwig brachte. --
 
Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein
sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß
sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich
die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig
nachhelfen konnte. -- Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen,
über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die
schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der
Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs
Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie
mit ihm durch den Garten. -- Sie glaubte sich und ihn schon gerettet,
als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch
gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell,
schnell, dann findet sie uns nicht! -- So ist dieser Spaziergang wieder
nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald
wünschte. -- Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe,
von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über
seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein
dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen.
Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem
dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem
schwarzen Kleide. -- Wie sie geschnürt ist, -- wie eine Rübe! sagte er,
und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es
geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu
ist sie so abscheulich! -- In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt
sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand
sie langsam. -- Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf
wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich
finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! -- So saßen sie
nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe,
er könne plötzlich doch aufstehen. -- Was ist das eigentlich für ein
Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. -- Ach ich weiß
es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung;
vielleicht ist es ein Weidenbusch -- nein, es sind Haselnüsse. Dann
schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich
aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst
erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus,
dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß
und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus -- und trat ins Freie. -- Was
ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich,
ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; -- du sahst mich
eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! -- Wir wollen nach
Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte
sie auseinander, so stark, daß sie knackten. -- Harald fand das
langweilig. -- Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt
mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. -- Wirklich schritt sie
allein den Pfad hinauf. -- Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute
zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete
immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. -- Weshalb hatte sie das
gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte
sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich
begann sie zu laufen. -- Frau van Loo trat ins Musikzimmer. -- Elfriede,
sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr
Pitt? -- Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit
frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden -- ich habe
sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen
ihre Finger wieder in die Tasten. -- Was spielst du da eigentlich? Es
kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! -- Ich mache
einen Marsch draus! Es klingt famos!! -- Frau van Loo verließ das Zimmer
wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast
mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann
regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage
kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies
eigentlich für ein Gebüsch? -- Je mehr sie von dieser sinnlosen
Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie
hinein; es war fast blödsinnig.
 
Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. -- Ich
möchte dir gerne etwas sagen. -- Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel
unterbrechen solle. -- Sprich nur, ich höre schon. -- Sie wartete wieder
eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den
Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich
einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. -- Elfriede stieß den Deckel
wieder auf. Was willst du denn? -- Was ich will? Kannst du dir das nicht
denken? -- Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. -- Dann
will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort
darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt.
-- Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. -- Es handelt sich nur um den
einen. -- Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von
jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! -- Ich rede von den
Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art,
sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er
stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich
will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch
andere Leute angesteckt. -- Wer sind die andern Leute? -- Du und Harald!
Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles
ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene
Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln -- denkt ihr denn ich sehe das alles
nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere
Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln,
nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter,
der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu
flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu
überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will:
Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch
einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr
versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze
über mich. Und »Herr Pitt« ist der Anführer. -- Das ist nicht wahr! rief
Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! -- Um so schlimmer! Soweit habt
ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz
anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt
aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein
Geist -- wenn ich es überhaupt so nennen soll -- der ihm ganz fremd ist.
Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen »losen Vogel«; er will
antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt.

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