Pitt und Fox 9
Drittes Kapitel.
Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran,
Elfriede wurde traurig. -- Ich komme ja in ein paar Monaten wieder!
meinte er. -- Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und
sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.
Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten
noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein
drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein
soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte
Elfriede undiszipliniert. --
Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! -- Dieser
einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und
hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so
brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie
gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos
zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. --
Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie
erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten
Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem
Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. --
Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane:
Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten
sie von Dauer sein. Du übersiehst -- so sagte sie zu ihrer Mutter -- was
ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit,
daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar
nicht so unbedachtsam handeln. -- Hältst du mich eigentlich für dumm?
war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone,
der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber
Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten,
daß sie sich verliebe. --
Pitt wußte von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die
Tatsache. Aber da darüber Tage hingingen, ahnte er doch den
Zusammenhang. -- Er lächelte für sich, denn unwillkürlich dachte er all
die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. -- Wenn
das Verlieben etwas so Stilles, Gemütliches war wie er es selbst
empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darüber aufzuregen. --
Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen!
sagte Hedwig, ich finde dies stillos. -- Aber Frau van Loo meinte, es
sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der
Familie zu verleugnen.
Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Könnecke bei Pitt, um
sich zu verabschieden. Pitt hatte den größten Teil seiner Sachen
zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er
wiederkäme. Auf diesem Haufen saß er, als Herr Könnecke eintrat. Der war
gerührt, was Pitt mit Erstaunen sah. -- Wir haben noch nie im Leben
einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag
ich es viel lieber als früher, und denke, Sie müßten nun immer drin
wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! -- Worin das liegen sollte,
wußte Pitt nicht, aber wie Herr Könnecke nun treuherzig seine Hand
schüttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und
Hafenruhe. Doch als Herr Könnecke ihn verlassen hatte, dachte er
sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurückgehe? Habe
ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? --
Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß
er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist
eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage
fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese
fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag --
lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue
Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts
zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will
-- -- Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem
Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie
auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es
denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! --
Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu
verschnallen, -- Sie werden zudringlich. -- Fräulein Nippe wich ein
wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb
hinausgeworfen. -- Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte
mehr überlegen! _Ich_ verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre
Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will.
Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot,
nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu
warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso
dort in der Nähe vorbei führt? --
Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich
das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas
Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick
lachte er über sich selbst. --
Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte
einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von
ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf
öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas
Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie
überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich
Langweiliges zu ersparen.
Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was
sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich
glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich
aufleben und die Natur genießen würde. Und daß _sie_ ihm dazu verhalf,
das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen
tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau
die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm
ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden
konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn
nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es
nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und
gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so
unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große
und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar
nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr
nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er
ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben
erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel
wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob
sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie
ebenso glücklich gemacht haben würde. -- Was denkst du? fragte Elfriede
endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so
nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. -- Er errötete fast wie wenn er
ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und
als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen,
war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. -- Frau
van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch
Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche
auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete,
dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. --
Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal
aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. -- Ach wären wir doch
wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland
friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal
verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. -- Aber
Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. -- Das ist ganz gleich; er
kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der
einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure
Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die
Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf
Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu
Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. --
Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation.
Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden
Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo
sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher
geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. -- Hedwig hatte
ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten
mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein,
das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an
dem andern emporzuspringen suchte.
Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein
immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel
verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich
heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen
es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre
Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu
fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem
kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich
in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen
vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends.
Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis
vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das
Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die
fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. --
Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen.
Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt
seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. -- Mit
seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend
als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen -- ist es nicht
töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? -- Elfriede fragte sich
vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte
sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz
etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen
der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem
sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten
Schimmer der Nacht. -- Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen,
um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. -- Fünf Minuten! sagte Pitt nach
kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald
hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte,
schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf,
es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. --
Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um
ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden
sich noch wundern. -- Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine
Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen
rüttelte weiter in die Tiefe. -- Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort,
auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er
hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man
sie schon kennt. -- Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund,
jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um
sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen
waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu
beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen,
ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.
Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener
Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein
weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen
haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als
wir das letztemal zur Stadt fuhren. -- Sie sah scharf hinauf: Da oben
bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne
fort, und manchmal sind sie da! -- In diesem Augenblick schoß dort oben
ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen
Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien,
als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede
überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen
hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr
herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche
Herausforderung klang. -- Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte
doch noch auf seiner Schule sein! -- Der Wagen erreichte langsam die
volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die
geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein
halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte
Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. -- Wer ist denn _das_?
fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. -- Elfriede! sagte Frau van
Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und
zeige ihm sein Zimmer. -- Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig,
aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser;
sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich
angerichtet werde. -- Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen
Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt
waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle,
und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen
Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei.
Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen.
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