Pitt und Fox 11
Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf:
Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht,
woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein?
Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und
abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm
vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. -- Pitt ist niemals albern
oder abgeschmackt! rief Elfriede. -- Das wundert mich nicht von dir zu
hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen
läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du
sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn
blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar
in den Bewegungen ähnlich -- sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um
mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein
durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens
durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. -- Elfriede war
blaß geworden und ihre Lippen zitterten. -- Was du da sagst, rief sie,
sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb
habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! --
Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. -- Ich
gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in
deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! --
Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich.
-- Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es
empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt,
der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. --
Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie
vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und
lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen
Pitt liebe? -- Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze
Vorausgegangene mit. -- Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er
noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei,
drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle
Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger
bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch
nicht in ihn verliebt ist, -- die Unterschiede sind übrigens zuweilen
fast unkenntlich -- aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. --
Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die »Gefahr«, wie du es nennst,
vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit
vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird -- wie ich ihn
auffasse -- seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer
Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die
Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein
genügend deutlicher Fingerzeig. -- Zwei Dinge, sagte Frau van Loo,
können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz
Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.
Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles
nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen.
Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß
Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen
Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest,
sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er
darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um
sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie
sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so
erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß
denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und
Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen
wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.
Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach,
sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen
von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer
solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt,
abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß
zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit
vorher.
Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben,
Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber
wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles
und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie
unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er
verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? _Ich_ finde dieses
furchtbar dumm. -- Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte
er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann
ging er enttäuscht hinaus. -- Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie
mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran
herzlos ist. --
Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets
zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre
Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben.
Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter
zu folgen.
Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still
seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne
mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer
Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde.
Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den
abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues
Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich
unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe
Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und
schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und
begann zu leiden. -- Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er
zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche
Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal
allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu
sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie
auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf
etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber
hatte. --
Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein
Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich
im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz
unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der
anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte
trotzdem ihren Wandel.
Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und
Elfriede. -- Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie
deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er
wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er
sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als
er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche
machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine
Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich
selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich
für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut
-- worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte -- und dann ging
er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben;
dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn
seinem Vater schreiben wollen!? --
Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch
mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede
ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit
rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger
blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede
sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben?
Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? -- Die Ausflüsse solcher
Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und
plötzlich ging er wieder.
Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die
schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! -- Er log, er
habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. --
Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein
wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag
abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette.
Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum
Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den
Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch
progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß
Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. --
Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander;
sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise
täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer
erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll
innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. --
Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich
nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm
beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und
die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz
war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich
austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet
hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja »durchaus notwendig« für
eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden
kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. -- Weshalb reitest du
eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß
und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer
unerträglicher. -- So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses
nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter
ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel
mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie
erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends
mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald
und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in
der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte
alle Fenster, ihr Blick blieb auf _einem_ haften während der ganzen Zeit
ihres Rückwegs. -- Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu
ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie,
sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein
Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder,
sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen.
Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat
Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war
sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte,
ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich
konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu haben.
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