Pitt und Fox 16
So hör doch endlich einmal auf! so
schwieg sie wirklich ganz erschrocken, und dachte, sie habe etwas recht
Dummes gesagt. -- Einmal, am Abend, schmiegte sie sich dicht an ihn und
sagte: Ich habe noch nie einen Menschen geliebt, aber dich liebe ich! --
Ist das wirklich wahr? fragte er heftig und langsam. -- Ja natürlich,
das weißt du doch, weshalb fragst du mich denn das so feierlich, so wie
wenn -- ja ich weiß selbst nicht wie. Da sah er sie wieder so sonderbar
an. Es kamen Tage, in denen er stumpf und gleichgültig war, in denen
alles, was er an Lotte liebte, einfach überhaupt nicht da war, wo sie
ihn nur irritierte durch ihr vieles und lebhaftes Reden, dessen Inhalt
man auf Null reduzieren konnte. Dann wieder begriff er nicht, wie er so
blind sein konnte und war so zärtlich zu ihr, daß sie sagte: O Pitt, ich
könnte alles, alles für dich tun! -- Und doch wußte er, daß sich nichts,
gar nichts dahinter verbarg. Allmählich hatte er sie vollkommen
überschauen gelernt. Und langsam, nach und nach überkam ihn die
Gewißheit, daß für ihn eigentlich der Rausch schon vorüber war, obgleich
er ihn nicht mit ihr zusammen genoß. Aber er hatte, wie er sich vor sich
selber ausdrückte, experimentell erfahren, daß das, was er Liebe nannte,
mit Liebe wenig zu tun hatte. Wie war es sonst möglich, daß sie ihn nach
Momenten der Erregung innerlich kalt und gleichgültig ließ, daß er, wenn
er sie wirklich sah, sie immer öfter fort wünschte, ja daß auch die
Vorstellungskraft an Stärke mehr und mehr nachließ und seine Gedanken
schließlich von ihr auf andere irrten, die er irgendwo und flüchtig
gesehen hatte? -- Er begann es als ein Glück zu empfinden, daß er sich
ihr gegenüber beherrscht hatte, und nun stellten sich auch die
moralischen Erwägungen mit doppelter Kraft ein, wie recht er gehandelt
habe, Lotte in dem Bereich zu lassen wo sie war. Sie mußte in dem
wohlgeordneten, kleinen bürgerlichen Leben bleiben, in dem sie sich
befand, sie mußte zuwarten, bis sich eine Gelegenheit bot sich solide zu
verloben und dann später zu verheiraten. Immer öfter geschah es, daß er
eine Verabredung nicht einhielt, so daß Lotte, in Konditoreien wartend,
halb aus Mangel an Widerstandskraft ihre ganze kleine Barschaft in
Kuchen draufgehen ließ. -- Wollen wir uns nicht lieber in der
Bahnhofrestauration treffen? fragte sie; da gibt es auch lauter kleine
Kuchen, aber man _braucht_ sie nicht zu essen, man kann auch so dasitzen
und warten, und wenn du einmal nicht kommst ist es nicht so schlimm. Er
wollte das nicht. -- Dann kann ich ja unten an der Bibliothek auf dich
warten, bis du heraus kommst. -- Wirklich tat sie dieses; er begann
Ausflüchte zu erfinden. Sie merkte es nicht; sie überwand nur schnell
ihre Enttäuschung, fragte nicht nach den Gründen, wenn er ein
Beisammensein ablehnte, sondern sah vernünftig drein, so wie wenn sie
etwa gesagt hätte: Morgen ist Sonntag, und er ihr darauf den Kalender
zeigend bewiese, daß Sonntag erst in ein paar Tagen sei.
Fox war es schon seit einiger Zeit aufgefallen, daß Lotte jetzt so gut
wie gar keine Zeit für seine Belehrungen hatte. Sollte da etwas dahinter
stecken? dachte er. Auf Pitt aber geriet er nicht. Pitt war die letzte
Zeit nicht mehr in die Wohnung gekommen; Lotte wollte das nicht. Sollte
es einmal dringend notwendig sein, daß er sie spräche, so war für diesen
Fall die Rückgabe des Mantels und des Schirmes vorgesehen. Lotte hatte
eine vorzeitige und nutzlose Rückgabe verhindert in dieser Erwägung,
Frau Bornemanns Gedächtnis war nicht sehr stark, und inzwischen hatten
diese Gegenstände schon manchen gemeinsamen Spaziergang und Regen
mitgemacht. --
Eines Tages entdeckte Fox Lotte wartend vor der Bibliothek. Aha! dachte
er, nun werden wir ja herauskriegen, wer es ist; und er versteckte sich.
-- Sie stand dicht vor dem Eingang, den sie fast versperrte. Studenten
gingen an ihr vorbei und musterten sie mit unverschämten Blicken; sie
beachtete das gar nicht und spähte nur immer zum Treppenhaus, wie ein
wachsamer Hund, der auf seinen Herrn wartet. Schließlich kam Pitt. Sie
nahm wie selbstverständlich seinen Arm und wanderte sorglos lachend die
Straße mit ihm hinunter. Fox sah erst perplex bestürzt drein, dann erhob
sich in ihm eine große moralische Entrüstung: Also so eine ist das! Und
gegen mich tut sie immer auf das allerehrsamste! Na warte, dich wollen
wir schon kriegen! Dich wollen wir schon entlarven! Und wieder dachte
er: Wenn jemand ein Anrecht auf sie hat, so bin ich das doch natürlich!
Dies hier war ja der reine Betrug! Schon manchmal hatte er sie
aufgefordert, mit ihm spazieren zu gehen: Nie hatte sie Zeit gehabt,
immer mußte sie arbeiten! Dann war sie natürlich mit seinem Bruder
gelaufen! Es war einfach ein niedriger, gemeiner Betrug, also doch
wirklich, ein -- -- Betrug!!! --
Am selben Abend besuchte er Pitt, entzündete sich eine Zigarre und
begann unvermittelt seine Predigt. Pitt wußte erst nicht, worum es sich
handle, dann nickte er und ließ ihn weiter reden. Dadurch geriet Fox
immer mehr in Feuer. -- Traurig, so schloß er, daß es soviel
Unsittlichkeit in der Welt gibt. Sie ist einmal da, und daß du und ich
sie nicht ausrotten werden, das steht wohl fest. Aber wir sollten nicht
noch mithelfen an ihrer Verbreitung, und vor allen Dingen nicht
anständige Mädchen auf den Weg der Untugend bringen; das ist eine
Gewissenlosigkeit, wirklich, eine Gewissenlosigkeit! -- Er schwieg und
sah Pitt in die Augen, als wolle er seine Worte noch wie mit einem
Petschaft versehen, so kernig und saftig war sein Blick. Pitt hielt ihn
aus, ja er erwiderte ihn, anders, stiller; sein Mund zeigte ein kaum
merkbares Lächeln, sein Blick schien durch seines Bruders Augen zu gehen
wie eine feine Sonde. Er schwieg. -- Na also, sagte Fox, indem er wo
anders hinsah, das mußte ich dir sagen, und hoffentlich nimmst du mir's
nicht übel, das wäre furchtbar kleinlich von dir. -- Er sah wieder auf
sein Gesicht, begegnete aber noch demselben Blick wie zuvor. -- Bist du
blödsinnig geworden? fragte er plötzlich, instinktiv nach einem Schutz
suchend, ganz im Tone seines Vaters. -- Pitt erhob sich. Er dankte ihm
für seine Mühe, aber versprechen könne er ihm gar nichts. Mir scheint,
fügte er hinzu, du nimmst dir doch ein wenig zu viel gegen mich heraus.
-- Wenn du's mir übel nimmst, ist es deine Schuld; ich habe gedacht: wir
sind beide keine Kinder mehr; daß du etwas älter bist als ich kommt
nicht in Betracht, jetzt wo wir beide im Leben stehen als
gleichberechtigte akademische Bürger; der Kinderstube, wo der ältere
Bruder über den jüngeren herrscht, wären wir, dächte ich, entwachsen!
Also nichts für ungut.
Pitt sagte jetzt zu Lotte: Sie dürfe ihn nicht mehr von der Bibliothek
abholen, überhaupt wollten sie sich weniger treffen, man rede über sie,
sie bringe sich in einen schlechten Ruf. -- Es war ihr außer Zweifel,
daß es ein Mann gewesen sein müsse, der das behauptete. Irgend jemand,
der böswillig war.
Auf Fox geriet sie nicht; der war die letzten Tage besonders freundlich
gewesen und hatte ihr erst gestern ein Lederfutteral geschenkt; es sei
sehr praktisch, sagte er. -- Wenn sie nur wüßte, wer es gewesen war!
Mein französischer Professor? fragte sie. Der war gleichzeitig
Privatdozent an der Universität. Oder war es vielleicht jemand, der sie
öfter in der Konditorei sah, der vielleicht in sie verliebt war und den
sie gar nicht kannte?! -- Ist es der? fragte sie, und deutete auf einen
vollbärtigen gesetzten Herrn, der langsam seinen Kaffee schlürfte und
dann mit abwesend-vollem Blick aus seinen Augengläsern auf sie sah und
sich den Schnurrbart leckte, ehe er die Zeitung wieder ergriff. -- Sie
bekam es nicht heraus.
Unsäglich langweilig war ihm allmählich dieses fortwährende in die
Konditoreigehen geworden; ihr war es etwas ewig Neues. Ganz in
Zerstreutheit sagte er einmal, als er eine Verabredung vermeiden wollte,
er wisse nicht, wo sie sich treffen sollten: In der Konditorei? fragte
sie, als sei dieses etwas noch nie Dagewesenes. --
Es war unausbleiblich, daß Lotte schließlich doch den Wandel in seinem
Gefühle bemerkte. Sie litt darunter und fragte sich vergebens, was wohl
die Ursache sei. Einmal fiel es ihr ganz plötzlich ein, daß er sie ja
gar nicht mehr küsse. Sie fragte ihn danach. -- Es hat doch eigentlich
gar keinen Sinn, sagte er, wenn du zum Beispiel verlobt wärest, so
dürften wir uns gar nicht küssen. -- Aber ich bin doch gar nicht
verlobt! -- Eben deshalb! sagte er ganz ernsthaft. -- Wieso? sie
verstand das nicht in aller Schnelligkeit: gerade weil ich doch nicht
verlobt bin, -- das heißt -- -- -- Nun? fragte er in aller Seelenruhe.
Aber da mochte sie nicht weiter reden. Und zum ersten Male kam ihr der
Gedanke: Faßte Pitt denn ihr Verhältnis als eine einfache Freundschaft
auf? Das war doch gar nicht möglich! Wie sehr hatte er sie immer geküßt!
Waren das alles Freundschaftsküsse gewesen? -- Er will mich nur auf die
Probe stellen, ob ich ihm treu bleibe! so sagte sie sich, und dachte
sich wirklich etwas dabei. Wenn wir uns nicht küssen ist unsere Liebe
viel idealer. Aber sie konnte es doch nicht hindern, daß sie sich nun,
wo sie sie nicht mehr bekam, nach seinen Küssen sehnte, bei denen ihr
immer so unbestimmt wohlig zumute gewesen war.
Sie gingen nun nicht mehr regelmäßig spazieren; dafür sah er sie aber
fast jeden Tag einmal hier, einmal da, wo er sie gar nicht vermutete.
Sie kannte allmählich seinen Stundenplan und trug ihn immer bei sich,
auf dem Herzen. Dann begleitete sie ihn bis zu seinem Hause. Mit jedem
Tage machten sie den Weg in kürzerer Zeit; Pitts lange Beine schritten
rüstig aus, mit lebhaftem Atem sprang sie bald links bald rechts von
ihm, schalt auf das schmale Pflaster und die vielen Passanten, beklagte
sich aber niemals. Pitt dehnte seinen Aufenthalt in der Bibliothek
länger aus, aber das half nichts: Suchend trat sie in den Lesesaal,
setzte sich, ohne daß er sie bemerkte, ihm gegenüber, und wenn er
endlich mechanisch von seinem Buche aufschaute, freute sie sich über
seine Überraschung sie zu erblicken. Dann ging er wortlos neben ihr her.
Allmählich begriff sie, daß es mit ihren Zukunftsträumen ein für allemal
nichts war. Sogleich setzte sie aber auch in Gedanken bescheiden hinzu,
daß sie vielleicht auch viel zu nichtig und unbedeutend sei für ihn und
redete sich ein, daß sie selber für ihn ja auch von Anfang an nichts als
reine Freundschaft empfunden hatte. -- Du sollst nicht denken, sagte sie
das nächstemal, daß ich etwa verliebt in dich wäre, gar nicht, was ich
dir gebe ist ein reiner Freundschaftskuß! und ehe er etwas erwidern
konnte, fühlte er ihre Lippen auf den seinen, und sie machte ein ganz
schwesterliches und festes Gesicht dabei. Aber als sie ihm das
nächstemal wieder einen Schwesterkuß gab, hatte sie schon die Arme um
seine Schulter gelegt, er dauerte länger als der erste, und bei dem
dritten, den er bekam, wollte sie ihn überhaupt nicht mehr loslassen. --
In ihm regte sich etwas von den vergangenen Gefühlen, aber er machte
sich frei von ihr und sagte, Geschwister küßten sich nicht; er erinnere
sich zum Beispiel nicht daran, daß er und Fox sich je geküßt hätten. Nun
begann sie seine Hände zu drücken und ihn dabei verlangend anzusehen;
sie wurde immer ruheloser. Nachts träumte sie jetzt viel von ihm, da war
er ganz, ganz anders, so wie er früher war, oder war er früher nicht so,
hatte sie sich das nur eingebildet? -- In die Konditorei gingen sie
schon lange nicht mehr; das Wort hatte einen wehen Klang für sie
bekommen, sie vermied es; sie wußte auch, daß Pitt sie selbst vermied;
aber sie konnte nicht anders: wenn sie ihn in der Ferne sah, lief sie hinter ihm her, bis sie ihn eingeholt hatte.
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