2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 17

Pitt und Fox 17


Sie gab ihm einen »Freundschaftsring«; den hatte sie von dem ersparten
Geld, das nun nicht mehr in die Konditorei wanderte, gekauft, ein armes
silbernes Ding mit einem Vergißmeinnicht darin. Sie mußte irgend etwas
für ihn tun, etwas für ihn opfern. Er wollte ihn erst nicht nehmen. Sie
beteuerte nochmals, es sei ja nur ein »Freundschaftsring«, und wenn er
ihn nicht immer trüge, wäre es aus zwischen ihnen. -- Aus zwischen uns!
wiederholte er, das klingt so, als ob irgend etwas »zwischen uns« wäre!
Ich sehe nichts, absolut nichts! -- Es ist ja auch gar nichts zwischen
uns, erklärte sie in ihrer Angst, aber du mußt ihn trotzdem tragen, ich
schenke ihn dir doch nur _so_! O Gott, du quälst mich so, Pitt, du
quälst mich so! --
 
Pitts Gedanken liefen zurück in vergangene Zeiten, und eine
gespenstische Stimmung kam über ihn. Diese Worte hatte er schon einmal
gehört, es war, als ob das Leben sich schattenhaft wiederhole. --
 
Er mußte ein Ende machen. Ich verreise morgen! -- Für wie lange? -- Das
weiß ich noch nicht. -- Er hatte die Absicht, ihr nach einigen Tagen zu
schreiben, daß es das beste wäre, sie sähen sich nicht wieder. Sie sagte
ihm gefaßt adieu, und wie sie so schlicht und zurückhaltend vor ihm
stand, und doch so voll von Liebe, nahm er sie ein letztes Mal in seine
Arme. Er fühlte, daß es jetzt keines Wortes mehr bedürfe, um sie sich
ganz zu eigen zu machen, er fühlte, wenn er sie länger halten würde, ein
Wanken seiner Festigkeit, und er machte sich los von ihr. Sie ging
getröstet und dachte: Alles wird noch gut! -- Wohin er wohl reisen
würde? Sie war doch eigentlich sehr neugierig. Am nächsten Tage bezwang
sie sich noch; aber am übernächsten fragte sie Fox danach. Sie habe
gehört, erklärte sie, von einer Freundin, die einen Bruder habe, dessen
Freund mit Pitt zusammen studiere, daß er verreist sei. Wohin er wohl
gereist sei? -- Fox sah sie mit runden Augen verständnislos an; dann
sagte er, der Bruder von der Freundin wisse mehr als er selber; er sei
Pitt noch heute morgen auf dem Gang in der Universität begegnet. Wenn er
das nicht selbst gewesen wäre, müsse es wohl sein Geist gewesen sein. --
Waren die Beziehungen zwischen Lotte und Pitt immer noch nicht aus? --
 
Am selben Abend ging sie in Pitts Wohnung. Fast unvermittelt stand sie
in seiner Tür. -- Du bist noch da? fragte sie erstaunt. Schon wieder!
log er mit schneller Geistesgegenwart. Sie wollte sich gerade darüber
freuen, als ihr plötzlich alles, sie wußte selbst nicht wie, klar wurde.
Sie war mehr gekränkt als empört. Als ob ich ein kleines Mädchen wäre!
rief sie. Wenn du mich einmal ein paar Tage nicht sehen magst, so kannst
du mir das doch ruhig sagen! Ich bin doch vernünftig genug, das zu
verstehen! Aber so eine Komödie zu machen, dazu sind wir doch beide zu
erwachsen! -- Du hast recht, sagte Pitt, der sich über sich selber
ärgerte, aber ich fand es zu grausam dir die Wahrheit geradezu ins
Gesicht zu sagen! -- Welche Wahrheit denn? fragte sie, indem ihr das
Blut zu Herzen lief. -- Mein Gott -- daß ich dich nicht liebe. -- Sie
beherrschte sich mit Mühe. Aber ich liebe dich doch auch nicht -- gar
nicht, wir mögen uns doch nur sehr gern! Deshalb braucht man doch nicht
gleich wegzureisen -- oder vielmehr nicht wegzureisen -- der Faden ihrer
Gedanken schwand ihr einen Augenblick spurlos, bis sie ihn wieder hatte.
Also du willst mich die nächste Zeit nicht sehen? -- Doch. -- Im
nächsten Moment ärgerte er sich wieder über sich selbst. -- Morgen? --
Pitt seufzte. Wie oft hatte er das nun schon gehört, dieses kleine, halb
hingeworfene Wort mit dem unsichtbaren Haken daran. Sie sah seine Miene
und sagte schnell: Also ich sehe doch, daß du morgen nicht möchtest,
weshalb sagst du denn nicht einfach: übermorgen! Ich bin doch keine
Klette! --
 
Ich muß den Verkehr mit ihr abbrechen; dachte er, als er allein war. Wie
alles jetzt ist, ist es würdelos; ich quäle sie, dieser Verkehr ist eine
ewige Hin- und Herzerrerei. Wenn ich es ihr sage, tut es keine Wirkung,
weder auf sie noch auf mich; sie schlingt dann ihre Arme wieder um mich,
und in dem Moment, wo ich sie so dicht an meinem Körper fühle, verwirren
sich mir die Gedanken und alles, was ich klar und sicher weiß, erscheint
wie Unsinn; ich muß ihr alles schreiben, und zwar muß ich lügen und hart
mit ihr sein, sonst ist alles was ich schreibe umsonst.
 
Als sie sich wiedersahen, überreichte er ihr einen Brief; sie möge ihn
zu Hause lesen. Sein Inhalt war kurz und klar. In der Hauptsache sagte
er ihr nur, sie habe sich von Anfang an getäuscht in ihm und er wünsche
den Verkehr mit ihr abzubrechen. -- Darauf war sie nicht gefaßt gewesen.
Einen ganzen Tag lang weinte sie; Frau Bornemann versuchte sie zu
trösten: Es werde schon alles noch gut; sie sei doch fleißig, das könne
jeder mal passieren, daß sie im Französischen eine schlechte Note
bekomme, sie solle den Kopf nicht hängen lassen, sondern ihn oben
behalten wie der Vogel Kakadu. --
 
Auf den Gedanken, Pitt zu antworten, kam sie gar nicht; alles war nun
aus, einfach aus. Die nächsten Tage vergingen schwer, sie konnte sich
nicht daran gewöhnen, daß nun alles vorbei war. Oft stand sie abends
unten auf der Straße und sah zu seinem erleuchteten Fenster hinauf, und
dann verzog sich ihre Miene wie bei einem Kinde und ihre Tränen begannen
wieder bitterlich zu fließen. Sein Stundenplan auf ihrem Herzen behielt
noch eine Art selbständigen Lebens, das langsam verzuckte: Bald war sie
hier, bald da, um Pitt zu sehen, doch vermied sie es auf das
ängstlichste, daß er sie zu Gesicht bekam. Dann wollte sie ihn
vergessen; aber sie konnte es nicht ändern, daß ihre nächtlichen Bilder
sich weiter mit ihm beschäftigten; endlich wurden diese Bilder
unpersönlicher, allgemeiner, und eines Nachts war sie sehr erstaunt, als
sie, aus ihrem Traum erwachend, mit ausgebreiteten Armen in die Höhe
fuhr und undeutlich einen Menschen vor sich sah, der mit Pitt auch nicht
die geringste Ähnlichkeit mehr hatte. Wenn ich nur wüßte, wer es gewesen
ist! dachte sie und nahm sich vor, im nächsten Traume ganz genau
aufzupassen.
 
Eines Tages schrieb Pitt an Fox, er möge ihn abends besuchen, und zwar
ohne Mantel und Schirm. Er hatte die Absicht, ihm jene von Frau
Bornemann geliehenen Stücke um- und anzuhängen und ihn damit zu ihr
zurückzuschicken. Fox sah in jenem Ansinnen nur eine der bekannten
verrückten Marotten seines Bruders, und nahm aus Opposition außer dem
Mantel auch noch einen Schirm mit, obgleich der klarste Sternenhimmel
war. Verständigt von dem Plane seines Bruders, weigerte er sich mit
Entschiedenheit, die Sachen zurückzutragen; er könne sie durch einen
Dienstmann schicken, den er ihm gern bezahlen wolle, wenn Pitt kein Geld
habe. Und überhaupt: Fox spitzte plötzlich seinen Geist und sah Pitt mit
fragenden und großen Augen an: Weshalb willst du denn die Sachen nicht
selbst hinbringen? -- Pitt antwortete nicht, sondern sah nur gleichmütig
in die Lampe. -- Aha! dahinter steckt was! Ihr seid also endlich
auseinander, was? -- Du kannst es so nennen, wenn du willst; sagte Pitt.
_Ich_ würde es nicht so nennen, denn wir waren ja nie zusammen. -- Na
na, sagte Fox und lachte ungläubig und überlegen, mir brauchst du das
nicht aufzubinden. Gut -- fügte er nach einer Pause hinzu, gut, daß du
dich besonnen hast, wenn es auch ein bißchen lange gedauert hat;
wirklich, ich habe es von Anfang an nicht schön gefunden, ich habe es
dir ja auch damals voll und ganz gesagt. Übrigens, du kannst vollkommen
ruhig sein, ich schwatze nicht darüber, ich meine: die zu Hause brauchen
nie was davon zu erfahren, dafür sind wir doch Brüder, was? Brüder
sollen doch immer zusammenhalten, wie? Und seine »wie« und »was« rissen
sich so schneidig von seinen Lippen, daß Pitt fragte: Bist du die letzte
Zeit viel mit Offizieren zusammen gewesen? -- Allerdings! sagte Fox mit
einem unklaren Bedauern, daß dies wirklich der Wahrheit entsprach, und
das dem noch unklareren Gefühl entsprang, man hätte aus dieser
imponierenden Tatsache irgendwie zwei machen können, neben der ersten
noch eine erfundene, denn die erfundenen imponierten ihm selbst noch
mehr als die wirklichen. Weshalb frägst du denn das? -- Da Pitt die
Frage zu überhören schien, verbreitete er sich wieder über den ersten
Gegenstand: Nun wisse er auch, weswegen Lotte die letzten Tage so
verweinte Augen gehabt habe. Hm hm, also so stehen die Tatsachen! setzte
er nachdenklich hinzu. Na -- leb wohl und mach solche Dummheiten nicht
wieder. Menschlich ist schließlich jeder mal, aber dafür gibt es dann
auch Einrichtungen, die der Staat selbst sanktioniert hat. -- Übrigens,
setzte er nach einem Nachdenken abermals hinzu, ich könnte die Sachen
doch am Ende mitnehmen, dann brauchst du nicht noch erst einen Brief zu
schreiben; pack sie mir mal gehörig ein, schließlich: Bei Nacht sind
alle Katzen grau. -- Pitt tat es und Fox entfernte sich mit dem Paket.
 
Er gab es Lotte persönlich in die Hände. Als sie die alten Sachen
wiedersah, die ihr durch Pitt so gewohnt geworden waren, hielt sie mit
Mühe die Tränen zurück. -- Armes Kind! sagte Fox und sah sie bieder an.
Da war es um ihre Fassung geschehen; ihre Tränen liefen ungehindert, sie
wurden zum Schluchzen, als Fox väterlich und sanft den Arm um ihre
Schulter legte. -- Armes Kind! sagte er wiederum. Jaja, jaja!
 
In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt:
Abgeklärtes Überschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern
menschlicher Schwächen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine
stille Resignation. -- Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch
fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles
kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie muß von selber dazu
kommen. -- Wozu denn? fragte sie verwirrt und ängstlich. -- -- Na, um zu
erkennen, daß das doch nichts war. Ich weiß doch, daß mein Bruder von
einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch genügend!
Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen
wie von selbst. -- Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne
es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit
ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und
dann fiel ihr ein, daß es ja sein Bruder war, der sie so hielt und
tröstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er,
und unwillkürlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich
ein, er sei es selbst. -- Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller
geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Tränen von
neuem fließen ließen. -- Sie muß sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte
er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die
er genoß. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause
setzte er hinzu: jaja, jaja! -- Ganz in Gedanken zählte sie diese vielen
Jas, und plötzlich mußte sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte
nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. -- Nanu? sagte Fox, was lachen
Sie denn! -- O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie
ich Sie einmal borniert genannt habe. -- -- Aber liebes Kind, Sie sind
doch wirklich recht kindisch! Ich tröste Sie hier -- -- Ich weiß ja, ich
weiß ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fühle ja, daß Sie es
wirklich gut mit mir meinen, und daß Sie ein viel besseres Herz haben
als Ihr Bruder! -- Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrücklich,
nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so
gutherzig und ehrlich an, daß sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein
einziges Mal so angesehen hätte!
 
Fox drückte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine
Zeitlang, Fox drückte heftiger, wenngleich noch väterlich. -- Ich muß
jetzt gehen, zu Großmutter, sie wird sonst mißtrauisch! sagte Lotte
endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem
Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann
drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor,
halb abwehrend und halb wehrlos. --
 
Als sie draußen waren, dachte Fox über alles nach: Wie standen denn nun
die Dinge? Jetzt gehörte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel,
-- das heißt: das hing immer noch von _ihm_ ab. Sollte er oder sollte er
nicht? Ein wenig dämpfte sein Selbstgefühl die Überlegung, daß er im
besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein könne. Aber
immerhin: Er würde sich niemals Vorwürfe zu machen haben: Wenn er sich
jetzt mit ihr einließ, so blieb die Schuld der ersten Verführung immer
auf seinem Bruder haften. Außerdem: Wenn er sie jetzt _nicht_ nahm, so
nahm sie einen andern! Ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen
wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm
unumstößlich; und irgend einem Menschen in die Hände zu fallen -- _dazu_
war diese Lotte denn doch zu gut! Wer weiß was für schlimme Erfahrungen
er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf
Gott weiß wen losgehen würde! Er hatte geradezu die _Pflicht_, sie zu
übernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt
gegenüber war sie in diesen gefährlichen Zustand gekommen! Pitt war
eigentlich ein Schafskopf, daß er dies famose Mädchen so ohne weiteres
aufgab; das heißt, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es
zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beimaß. Aber
die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher
berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er übersehen: Die einmal erregte
Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt nachkommen! 

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