Pitt und Fox 24
Fox runzelte die Stirn, als Pitt mit Lotte zugleich ins Zimmer trat; er
ahnte, daß es jetzt Kämpfe geben würde. -- Er wollte wieder mit seinen
alten Argumenten kommen, ja er redete sogar von Großmutter- und Enkel-
und Urenkelliebe, von den natürlichen Banden der Verwandtschaft, von
Heimatsgefühl, das neuerdings auch in der Kunst so lebhaften Ausdruck
fände, von liebgewordenen Betten, in denen man geboren sei und die doch
auch zu Hause zur Verfügung ständen, und als das alles nichts half, rief
er: Ja Kinder, und an die Hauptsache denkt ihr alle beide nicht, an die
Kosten! Wer soll denn das bezahlen, wenn Lotte jetzt hier bleibt? -- Du
natürlich! -- Ich?! -- Ja wer denn sonst? -- Aber mein lieber Freund,
das sind doch horrende Summen! Das kann ich ja gar nicht, so gern ich
möchte; wir kosten doch unserem armen Vater sowieso schon Geld genug! --
Sie redeten hin und her. --
Ich will dies nicht mehr mit anhören! sagte Lotte, die wortlos in einem
Winkel gestanden hatte, ich werde ja hier verhandelt wie -- wie ich weiß
nicht wie! -- Ja, lieber Pitt, ich möchte dich auch bitten, etwas mehr
Rücksicht auf Lottes Gegenwart zu nehmen. -- Ich will nicht dabei sein!
sagte Lotte leidenschaftlich. --
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. -- Ach! Fräulein Nippe! rief
Fox, als sie sich auf der Schwelle zeigte, ich muß gerade etwas
Wichtiges mit meinem Bruder bereden -- wären Sie wohl so freundlich --
Lottchen, du gehst wohl für einen Moment hinüber, du kannst ganz ruhig
sein, die Leute sind furchtbar nett und freuen sich nur, wenn sie Besuch
bekommen. --
Kommen Sie, Fräuleinchen, kommen Sie! sagte Fräulein Nippe und zog Lotte
hinaus.
Die beiden Brüder standen sich gegenüber.
Du hast mindestens ebensolche Verpflichtungen wie ich! sagte Fox; sie
hat es zwar entschieden in Abrede gestellt, jemals nah zu dir gestanden
zu haben, aber das ist auch ganz selbstverständlich; das tut jedes
Mädchen; ich nehme ihr das auch durchaus nicht übel. Wenn wir die Kosten
zu tragen haben, so haben wir sie gemeinsam zu tragen! -- Fox redete mit
vollster Überzeugung; die Einbildung, in die er sich hineinredete,
beherrschte ihn so stark, daß er sie für die Wahrheit nahm. Er wußte
plötzlich wieder, daß seine früheren Verhöhnungen Pitts, als habe sich
der vergeblich um Lottes Gunst bemüht, nicht der Wahrheit entsprachen.
Und da die Wahrheit ja das Gegenteil der Unwahrheit ist, so kam er jetzt
dazu, seine Forderungen mit einer Art von moralisch-überzeugtem Pathos
aufzustellen. Pitt überging dies erst, aber als Foxens Stimme nun einen
fast predigerartigen Ton annahm, ging er auf ihn zu, sah ihm dicht in
die Augen, und fragte halblaut: Bist du eigentlich verrückt geworden?
Besinne dich doch, was du sagst! -- Fox sah ihn mit unsicheren Augen an;
dieser durchdringende klare Blick brachte ihn allmählich zu sich, die
Tatsachen, wie sie waren, rückten sich in seinem Geist zur Wirklichkeit
zurecht, wurden zu einer Macht, die ihn beherrschte, und er sagte mit
unsicherer Stimme: Na ja, ist doch alles klar! Mach doch die Sache nicht
noch komplizierter als sie ist. Ich leugne ja absolut nicht, daß du
recht hast, nur finde ich es durchaus nicht nötig, daß du dich mir
gegenüber so aufs hohe Pferd setzt! Ich bezahle selbstverständlich, ich
begreife nicht, weshalb du darum ein solches Geschrei machst! Ich finde
es unvornehm, um Geld ein solches Geschrei zu machen! Pitt überlegte.
Dies Benehmen seines Bruders grenzte schon hart ans Pathologische. War
es ganz und gar ausgeschlossen, daß sich solche Zustände eines Tages
wiederholten, und daß Lotte dann in die größten Verlegenheiten kommen
würde? Dem mußte vorgebeugt werden.
Bitte, setz das schriftlich auf. -- Er holte Feder und Papier. Fox sah
ihn verblüfft an und weigerte sich tief gekränkt. -- Ich erniedrige mich
dadurch. -- Du brauchst dich deshalb nicht vor mir erniedrigt zu fühlen;
es ist reine Formensache. -- Vor dir?! absolut nicht! aber vor Lotte,
vor der Familie! -- Die Familie wird das Papier niemals zu sehen
bekommen, auch Lotte soll nie etwas davon erfahren. Also bitte schreib,
es ist nur, um dein eigenes Gedächtnis frisch zu erhalten! -- Fox
weigerte sich noch immer, sagte, dies sei eine Komödie, ein gesprochenes
Manneswort bedürfe keiner schriftlichen Garantie, und ob er sich jemals
in seinem Leben ehrlos benommen habe?! -- Bitte, schreib. -- Als Fox
sich noch immer weigerte, griff Pitt zu einem letzten Mittel, von dem er
sicher wußte, daß es wirkte: Wenn du nicht schreibst, werde ich mir
Garantien von unserem Vater verschaffen. Seine Augen blickten nach wie
vor durchdringend auf ihn hin. Fox ergriff mechanisch die Feder, indem
er sagte: Ein schönes Mittel! Dies grenzt ja an Erpressung! Pitt lachte
innerlich, dann diktierte er, aber Fox sagte: ich weiß schon selber was
ich zu schreiben habe. -- Da hast du den Wisch! sagte er endlich. Pitt
las das Papier aufmerksam durch, faltete es dann sorgfältig zusammen und
steckte es in seine Tasche. -- Nun will ich aber nichts mehr von dir
hören! sagte Fox diktatorisch, und mit Lotte werde ich über diese
triviale Angelegenheit auch bloß ein paar Worte sprechen. Mir gehen weiß
Gott andere Dinge genug im Kopfe herum! Und er dachte an Herrn von
Sanders Schülerin, mit der er sich heute am Nachmittag angeregt und
geistreich unterhalten hatte über das Problem des Weibes. -- Dieser
Abstieg in die platteste Misere des Lebens war zu erbärmlich! --
Lotte war inzwischen in Fräulein Nippes Zimmer, erschüttert durch die
neuen Aufregungen, in Tränen ausgebrochen. Fräulein Nippe war so
teilnehmend, so liebevoll, es drängte Lotte, ihr, einer Frau, ihr ganzes
Herz auszuschütten, und sie tat es. Alles, alles erzählte sie, kaum
etwas, das Fräulein Nippe noch nicht wußte, aber so im Zusammenhang
erhielt sie doch einen besseren Überblick. -- Armes Kindchen! sagte sie
und streichelte ihre Hand, nein, zu Ihrer Großmutter dürfen Sie nicht
zurück, das ist ausgeschlossen, aber hier -- wenn Sie hier unter ganz
fremde Menschen gehen -- ach, das Herz krampft sich mir ja zusammen,
so'n junges Blut unter kalten, herzlosen Berufsmenschen, die die
heiligsten Dinge als ein alltägliches Geschäft ansehen! Nein, Kindchen,
das dürfen Sie nicht. Wenn ich nur etwas anderes wüßte! Fräulein Nippe
tat plötzlich eine Bewegung: Ein rettender Gedanke war ihr gekommen:
Hier sollen Sie bleiben, hier bei uns! Ich lasse Sie nicht wieder fort,
bis Sie alles glücklich überstanden haben. Ich weiß allerdings noch
nicht wie ich Platz schaffen soll, aber wir _müssen_ Platz schaffen. --
Lotte faßte wie gerettet ihre Hand und küßte sie, Fräulein Nippe aber
nahm sie in ihre Arme und hielt sie fest, und nannte sie eine arme
verängstigte Taube, die sich vor den Krallen des Geschicks an ihre Brust
geflüchtet habe. Sie fühlte sich so stolz, so glücklich wie noch nie in
ihrem Leben. -- Warten Sie hier, ich gehe hinüber zu den Herren und
bespreche alles mit ihnen! -- Sie huschte hinaus, und dann stand sie
klein, aber sicher vor den beiden großen Brüdern und teilte ihnen ihren
festen Entschluß mit. -- Bravo, Fräulein Nippe, bravo! rief Fox
warmherzig und lebhaft, und dann wandte er sich vorwurfsvoll an Pitt:
Siehst du, _so_ benehmen sich großherzige Menschen in großen
Augenblicken!! -- Das Pekuniäre, sagte er hierauf wieder zu Fräulein
Nippe, mache ich später mit Ihnen genauer aus! -- Ach das ist ja das
wenigste, meinte sie, Sie werden sie wohl nicht zu kurz kommen lassen!
-- Absolut nicht, absolut nicht! sagte er feierlich protestierend gegen
die Möglichkeit eines solchen Verdachtes; im Gegenteil, ganz im
Gegenteil! -- und als Fräulein Nippe weiter sagte, er solle nun
hinübergehen und ein paar Worte mit Lotte sprechen, nickte er: Sofort,
gewiß, jawohl, versteht sich! und wanderte sogleich hinüber. Auf den
Gedanken, daß es eigentlich nicht schön sei, Lotte nun immer in so
unmittelbarer Nähe um sich zu haben, kam er jetzt noch nicht. -- Na,
Lottchen, sagte er, also du bleibst ja nun vorläufig hier, -- und
streckte ihr die Hand entgegen; du weißt doch, daß ich es gut mit dir
meine! Hier ist es am besten für dich! Ich habe mir das überlegt,
obgleich es nicht leicht ist für mich, das kannst du dir wohl denken!
Also, Lotte, -- na, gibst du mir nicht die Hand? Sagst du gar nichts
Freundliches zu mir? -- -- Danke! sagte sie.
Sechstes Kapitel.
Lotte blieb nun wirklich in dem Heime Fräulein Nippes und Herrn
Könneckes. -- Herr Könnecke hatte tiefes Mitleid mit dem armen Mädchen,
und wenn er ihr einen Teil seiner Bequemlichkeit opferte, so sagte er
sich, er begehe dafür auch eine gute Tat: Er trat ihr sein eigenes
Zimmer ab und teilte in der Folgezeit die Stube mit Fox. Der war anfangs
über dieses Ansinnen tief verletzt. Herr Könnecke schlug ihm darauf vor,
er könne sich ja ein anderes Zimmer mieten. Verstimmt, sich von Herrn
Könnecke, vom Schicksal, von allen schlecht behandelt fühlend rief Fox
bitter: Natürlich! Ist ja ganz einfach, ich habe ja Geld wie Heu! Ich
kann mir ja auch gleich eine ganze Wohnung mit einem Tanzsaal mieten! --
Sie können doch nicht verlangen, sagte Herr Könnecke, daß ich mit meiner
Cousine in einem Zimmer schlafe! -- Ich verlange _garnichts_! antwortete
Fox und dehnte das letzte Wort betonend, bedeutend, zurechtweisend.
Meinetwegen ziehen Sie in mein Zimmer, aber reden Sie wenigstens nicht
vorher davon. -- Herr Könnecke verschluckte seinen Ärger, und am
nächsten Tage war die Stube für zwei eingerichtet. Sie war ganz
vollgestopft mit Möbeln. -- Ich kann überhaupt niemand mehr hier
empfangen! rief Fox gereizt in die Luft hinaus, als er sein Zimmer in
dem neuen Zustand erblickte.
Mit Lotte war er sehr wenig zusammen; ihr war es im Grunde recht, daß
sie sich so selten sahen, denn sie empfand ihm gegenüber eine Scheu, die
sie nicht mehr vertreiben konnte. Zu allen andern redete sie unbefangen;
trat Fox ins Zimmer, so verstummte sie. Herr Könnecke widmete ihr viel
von seiner freien Zeit und brachte ihr zuweilen eine Frucht oder eine
andere kleine Überraschung mit. Und wenn sie traurig war, wenn diese
schrecklichen Stimmungen wiederkamen, tröstete er sie, brachte er
Bilderbücher, Photographiealbums, Geduldspiele herbei. -- Selma, zeig
ihr doch mal wie man Patienzen legt! Selma, wollen wir ihr nicht mal ein
Theaterbillett schenken? Selma, ich finde, nächsten Sonntag Nachmittag
könnten wir mal alle drei eine Partie zusammen machen! -- Herr Könnecke
war so gut, so sehr gut zu ihr! Und immer, wenn sie an ihn im
allgemeinen dachte, kam ihr wieder jenes erste Bild vor die Augen,
damals auf der Straße, als er zu dem Jungen sagte: Na ja, dann will ich
es dir diesmal noch erlassen! -- Immer hatte er Geduld mit ihr, auch
wenn sie manchmal gereizt war, ganz ohne daß sie es wollte; sie bat ihn
auch jedesmal hinterher um Verzeihung und sagte: Ich weiß ja, daß Sie es
gut mit mir meinen! -- Es war schließlich so, als wenn er und Fox die
Rollen getauscht hätten, als wäre Fox ein Außenstehender, er selbst aber
ihr natürlicher Schutz und Berater. Fox, unbewußt ganz zufrieden damit,
fühlte sich doch in seinen Rechten zuweilen beleidigt. Herr Könnecke
schenkte Lotte ein Billett zu einer Posse. Nein! sagte Fox, ich erlaube
dir nicht, daß du hingehst. Das Stück ist ganz frivol, paßt nicht für
junge Mädchen! -- _Du_ brauchst ja auch nicht hinzugehen, antwortete
sie, in Gegenwart Herrn Könneckes mutiger. -- Fällt mir auch gar nicht
ein, aber du gehst ebenfalls nicht hin, ich will es nicht haben, also
tust du's nicht! -- Jetzt schritt Herr Könnecke ein. Zu viel hatte er
sich von dem jungen Manne bieten lassen. Wieviel hatte er schon
stillschweigend heruntergeschluckt, gar nicht davon zu reden, daß er
jetzt abends seine Pfeife nicht mehr rauchte, aus Rücksicht auf Fox,
der, wie er sagte, seinen schlechten Knaster nicht vertragen konnte. --
Ich habe ihr das Billett geschenkt, sagte er mit fester Stimme, und ich
kann es verantworten, daß sie das Stück auch sieht. -- Lotte, also ich
sage dir -- wenn du mich lieb hast -- -- Ach sei doch still! unterbrach
sie ihn heftig, aber gleich darauf kam sie zu ihm hin und fuhr fort: Ja,
Fox, wenn du es nicht willst, so gehe ich nicht! Aber nun war er
beleidigt, zuckte die Achseln und sagte: Meinetwegen tu was du willst --
wenn du andern Leuten mehr glaubst als mir -- und verließ grollend das
Zimmer. -- Ich will nicht gehen! Sie blickte ratsuchend auf Herrn
Könnecke. -- Wie Sie wollen, sagte er ruhig. -- Nein, nun kränke ich Sie
_auch_ noch, und Sie haben sich das so schön für mich ausgedacht! Ich
gehe doch, aber Sie müssen Fox sagen, daß ich nur gehe, weil Sie sich
das so schön für mich ausgedacht haben! -- Sie ging wirklich, und merkte
sich den Inhalt der einzelnen Akte ganz genau, um Großmutter später
davon zu schreiben. --
Lotte hatte ihre ganze Erfindungskraft aufbieten müssen, um Frau
Bornemann erklärlich zu machen, daß sie nicht an ihrem ursprünglichen
Ziele weile, sondern wo anders. Dort sei die Cholera aufgetreten, so
schrieb sie, und da habe ein Onkel ihrer Freundin sie sämtlich
eingeladen, auf sein Gut, das sich hier in der Nachbarschaft der großen
Stadt befände; auch werde die Post jeden Tag von dem Geschäftshaus des
Onkels her -- sie nannte Herrn Könneckes Wohnung -- hinausgeschickt. Es
sei einfacher, alle Postsendungen immer an den Onkel selbst, Herrn
Könnecke, zu adressieren, da die Postverbindung zum Gut hinaus sehr
unzuverlässig sei und Herr Könnecke immer abends alles in seiner
Equipage mitbringe. Diese langatmige Situation erfand sie, und wieder
kam sie sich unsäglich schlecht vor, die alte, gute Großmutter so zu
hintergehen. Aber sie war einmal in die Hintergehungen hineingeraten und
mußte vorwärts. Fox wußte von diesen Täuschungen, und er wollte sie zu
einer Art witziger Geistesübung machen, worauf Lotte jedoch nicht
einging. -- Dann nicht! sagte er; es scheint dir seit einiger Zeit
überhaupt alles egal zu sein, was ich vorschlage. -- Er hatte ein
bitteres, gekränktes Gefühl gegen sie, und lediglich nur deshalb, weil
sie das Kind erwartete. -- Fox verlangte mehr Geld von seinem Vater; der
begann ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner vielen Ausgaben, die sich
steigerten, und auf Pitt hinzuweisen, der nicht einmal die Hälfte von
dem brauchte, was Fox bekam. Diese Vorwürfe erschienen Fox ungerecht und
kränkend, denn das Geld wanderte ja nun zu einem großen Teil in die
Hände Fräulein Nippes. Lotte war zwar sehr bescheiden in dem was sie
brauchte, aber immerhin mußte er sich ihretwegen doch sehr einschränken.
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