2015년 11월 24일 화요일

Pitt und Fox 25

Pitt und Fox 25


Auf die Dauer jedoch wurde ihm dies unmöglich; er begann Schulden zu
machen, und anstandslos borgten oder lieferten ihm Restaurateure und
Geschäftsleute, da er ihnen allen schon so viel zu verdienen gegeben
hatte. Von dem einen Gegenteil verfiel er nun ins andere: Er wollte sich
entschädigen für alle Unbill, er zog wirklich aus und mietete sich für
die kurze Zeit seines Aufenthaltes -- denn inzwischen war das Semester
vorgerückt und bald nahte es seinem Ende -- in einer der schönsten
Straßen ein. -- Wie alles werden sollte, wenn erst die großen Summen
kamen für Lotte, die er dann zu bezahlen hatte, wußte er vorläufig
nicht. Aber daran dachte er jetzt noch nicht. -- Weniger und weniger sah
er Lotte; das »Problem des Weibes« war entschieden interessanter als
sie. -- Lotte selbst vermißte ihn nicht, ja sie war froh, daß er nun
bald ganz fortging. In den ersten Zeiten wollte sie sich das nicht
eingestehen, aber mehr und mehr ahnte sie, daß auch ihre Liebe schwand.
Ihre Zukunftsbilder beschäftigten sich nie mit ihm. Schmerzlich war es
ihr, daß er niemals von dem Kinde zu ihr redete, daß er sagte: Wenn es
da wäre, dann sei immer noch Zeit dazu. -- Da wirft sie mir nun Kälte
vor! Gesagt hat sie es ja nicht, aber ich fühle es durch, ich fühle es
durch! so dachte Fox; und Pitt scheint sie für den zartfühlendsten
Menschen zu halten! Was mir da Fräulein Nippe erzählt hat über die Art,
wie er sich bei Lotte zu Anfang über die Vaterschaft des Kindes
erkundigte -- sie scheinen beide nichts dabei zu finden -- nun, das weiß
ich: Niemals wäre _mir_ ein solches Wort über die Lippen gekommen!
Neinnein, niemals! Ich finde das zynisch, ohne jede weitere
Entschuldigung.
 
Um so wohltuender war es Lotte, daß Fräulein Nippe so oft von dem
Kindchen zu ihr redete. In ihren freien Stunden saß sie bei ihr und
häkelte und strickte mit ihr zusammen Sachen für das zu erwartende
kleine Wesen. Einmal sagte sie: Es ist mir beinahe so, als ob ich selbst
das Kind erwartete! Ach es muß doch zu schön sein, so ein wonniges
kleines Ding im Arm zu halten, das einem ganz allein gehört!
 
Und Lotte begann sich leise auf diesen Augenblick zu freuen. Allmählich,
ganz allmählich war Ruhe über sie gekommen, die furchtbare Angst um das
Unabänderliche war von ihr genommen, sie erschien sich nicht mehr, so
wie früher, wie das verruchte Gegenteil einer Mörderin etwa, indem sie,
anstatt zu töten, einem Wesen widerrechtlich das Leben gab. Pitt sah sie
nicht besonders häufig. Ihre Gefühle zu ihm waren ganz schwesterliche
geworden. Wärme und Kühle gingen bei ihm durcheinander, das empfand sie
wohl, aber er war der erste Mensch gewesen, der ihr half, der sie
verteidigte, und das vergaß sie ihm niemals. Ab und zu besuchte sie ihn
noch, ging mit ihm ein wenig spazieren und dachte nicht mehr daran, daß
sie ihn belästigen könnte; dazu war sie zu ernst, zu ruhig, ihrer selbst
zu sicher geworden. Unter den Bäumen, die nun ihr goldenes Laub bereits
langsam zur Erde sinken ließen, saß sie manchmal mit ihm zusammen, auf
einer Bank, und während sie sich still von der Mittagsonne bescheinen
ließ, dachte er: Nun gibt sie bald einem Kinde das Leben! Was wird sein
Schicksal sein? Und wenn es mein eigenes wäre -- was für ein trostloser
Gedanke, sich selbst noch einmal auf der Welt zu sehen; und dieses Kind
wächst dann heran, wird groß, und sieht sich später wieder in anderer
Gestalt durchs Leben schreiten, und das geht immer so fort, immer so
fort, und war von allem Anfang so.
 
Also Lotte, sagte Fox eines Tages, indem er wieder, so wie damals beim
ersten Abschied, in seinen roten Glacéhandschuhen, den steifen Hut in
der Rechten, vor ihr stand, also Lotte, laß es dir gut gehen. Ich reise
heute ab. Ich habe meinen Aufenthalt hier schon weit über Gebühr
verzögert und kann nun nicht mehr länger warten. Meine Eltern werden
ungeduldig. Ich habe Fräulein Nippe noch eine gehörige Summe für dich
hinterlassen, wenn die zu Ende ist, wird sie mir schreiben; die Summen
werden sich jetzt allmählich häufen, ich weiß noch nicht wie sie
geschafft werden sollen, aber geschafft werden sie, das garantiere ich.
Du sollst dir nicht zu allem übrigen auch noch Sorgen um das leidige
Geld machen. Wo du das Kind hintun wirst, wie es versorgt wird, das
schreibst du mir später wohl, natürlich postlagernd. Ich komme für alles
auf, ich bin ein verläßlicher, anständiger -- Vater. Ja ja, Lotte,
manche Fehler rächen sich im Leben; es ist der Fluch der bösen Tat, daß
sie -- na und so weiter. Hab nur keine Angst, wird sich schon alles
überstehen! Und was unsere Zukunft betrifft -- deine und meine -- so
kann ich dir beim besten Willen noch nichts Näheres sagen, ich habe in
den nächsten Jahren große Pläne vor mir, und diese Pläne erfordern --
aber Lotte unterbrach ihn: Ich weiß das alles; mach dir nicht so viel
Mühe, Fox. -- Na ja, sagte er, etwas verlegen; also dann: Leb wohl,
Lotte! Er hielt ihre Hand einen Augenblick, indem er darauf wartete, daß
sie ihm die Lippen zum Kusse bieten würde, dann nahm er ihre Wangen
zwischen seine Hände und drückte seinen Mund zart und schützerisch auf
ihre Stirn.
 
Fräulein Nippe sagte ihm allein adieu. Sie hatte Tränen in den Augen,
hielt seine beiden Hände gefaßt und nannte ihn einen Ehrenmann; es tue
ihr ja so leid, daß dies alles für ihn gekommen sei; ein junger Mann
müsse unbeschränkt die goldne Freiheit genießen; sie verstehe es ja so
gut, daß er gegen Lotte mehr Ungeduld als sonst etwas empfinde; andere
könnten es gefühllos nennen -- aber es sei das Recht der sieghaften
Jugend! Wieviel besser es doch gewesen wäre, wenn dieses ganze Unglück
seinen Bruder Pitt getroffen hätte, der -- na seien wir offen, zu Ihnen
darf ich schon ein freieres Wort reden! -- im Grunde ein wenig
stumpfsinnig dahinlebe! -- Absolut nicht, absolut nicht! sagte Fox,
dessen Familienstolz sich regte, aber im Herzen dachte er: Recht hat
sie! Endlich doch mal 'ne Person, die mich versteht! -- Mein Vetter,
fuhr sie fort, sitzt nun in seiner Schule und kann Ihnen nicht adieu
sagen, leider. -- Ist auch gar nicht nötig, dachte Fox, denn seine
Sympathie für Herrn Könnecke war in der letzten Zeit wesentlich
herabgemindert. --
 
Und du, sagte er zu Pitt, willst du nun wirklich ganz hier bleiben in
den Ferien? Ja du kannst dir das schon leisten; ich muß zurück zu den
Alten, ich bin Pleite, absolut Pleite! -- Er hinterließ ihm noch einen
Haufen Aufsätze, die er in den letzten Monaten zusammengeschrieben
hatte, und die zumeist über das Bühnenwesen handelten. -- Ich habe da
erst mal mit groben Besen gekehrt, die feineren kommen später dran, und
die eigentliche positive Arbeit beginnt erst, wenn dieser Augiasstall
einmal ganz ausgemistet ist! Mein Lehrer hat mir vorgeschlagen, ich
solle Dramaturg oder Regisseur werden, aber solche Tätigkeit ist doch
eine zu untergeordnete. --
 
So räumte Fox wirklich das Feld. Zu Hause ist es doch am besten, man mag
sagen, was man will! dachte er, als er im heimatlichen Bahnhof abstieg:
Die Heimat ist ein Hafen, in den man sich allzeit flüchten kann vor den
Miseren des Lebens. Und die praktische Bestätigung dieses Ausspruches
sollte er erfahren, als er sich endlich entschloß, sich seiner Mutter
anzuvertrauen, da er beim besten Willen nicht mehr wußte, wie er nun das
viele Geld für Lotte schaffen solle. -- Du bist mir ja ein schöner
Windbeutel, du bist mir ja ein sauberes Früchtchen! so sprach Frau
Sintrup und ließ diesen Bildern noch mehrere folgen, die gleichfalls dem
Gebiet der Konfitüren entlehnt waren. Aber dann verstand sie sich doch
dazu, Fox die Summe zu bewilligen, um die er bat. Alles mußte er ihr
erzählen, von Anfang bis zu Ende, und wie es nichts mehr zu fragen und
zu erzählen gab, sagte sie, sie wolle nicht in nähere Einzelheiten
eindringen, die Tatsache sei ihr genug. Ähnlich sprach sie zuweilen zu
Herrn Sintrup, wenn der ihr seine Erlebnisse beichtete, aus einem innern
Gefühl der Anständigkeit und aus einer Forderung des Gemüts heraus. --
 
Lotte wartete der Zukunft entgegen, die Zeit verging. Frau Bornemann
schrieb seit einigen Wochen mahnende Briefe, es sei nun die höchste
Zeit, daß sie zurückkomme, der Lehrkurs des neuen Halbjahres beginne
bald, und mit bescheidener Frivolität fragte sie endlich an, ob Lotte
sich etwa verliebt habe und darum nicht zurückkomme? Sie hätte ja dem
Kind so gerne den Lehrberuf erspart! Ach, wenn sie sich doch verlobt
hätte! --
 
Und Lotte wartete in dieser stillen Zeit ihrem Ereignis entgegen, mit
immer größerer Ungeduld, so wie man in kostbaren freien Tagen draußen
den zögernden Frühling erwartet, ehe man in die dunkle Stadt zurück muß
und in das graue Einerlei des Lebens, das nichts von den Herrlichkeiten
da draußen weiß. Alle Angst hatte sie verloren, sie war zuversichtlich
still und beinah glücklich. -- Es handelt sich nur noch um Wochen! sagte
Fräulein Nippe zu Herrn Könnecke, und setzte sich mit einer Frau in
Verbindung, da sie sich diesem Dienste nicht gewachsen fühlte.
 
Lotte war viel für sich allein; sie suchte die Einsamkeit. Sie dachte an
die eigne Kindheit, an ihre Eltern, die nun schon lange tot waren, an
die Großmutter, die ihr nun alles ersetzte. Und stärker als früher war
das Gefühl in ihr, sie handle unrecht, indem sie diese Frau hinterging,
die stets nur das Beste für sie gewollt hatte. -- Lotte hatte sich an
ihren Zustand, an den Gedanken, der ihr anfangs selber so unfaßbar war,
gewöhnt; alles Schreckliche lag so weit hinter ihr, daß es nur noch als
ein Schatten in die ruhige Wirklichkeit hineinragte. Unwillkürlich
übertrug sie diese Ruhe auch in die Vorstellungen, die sie von ihrer
Großmutter hatte: Vielleicht, wenn sie doch einmal alles erfuhr, wie
Pitt immer sagte, vielleicht würde es sie dann viel mehr schmerzen, daß
Lotte kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte, daß sie zu andern, zu fremden
Menschen ging. Vielleicht würde sie, wenn Lotte jetzt zu ihr kam, ehe
das Kind geboren war, sie zwar sehr traurig aufnehmen, aber doch
wenigstens froh darüber, daß sie ihre Furcht und Angst besiegte und
Vertrauen bei ihr suchte; sie war doch die Mutter ihrer Mutter! Es
traten Lotte die Tränen in die Augen; die Sehnsucht nach ihrer
Großmutter wurde immer stärker, es wurde ihr zu immer größern Gewißheit,
zu immer dringenderer Forderung, daß sie fort, daß sie zu ihr müsse.
Fräulein Nippe redete ihr ab: Das sei so eine vorübergehende Stimmung;
wenn sie ihr folgte, würde sie es wahrscheinlich bitter zu bereuen
haben. Sie rief ihr ihre erste Angst, ihre Furcht zurück, aber Lotte
sagte: Großmutter _kann_ mich ja gar nicht verfluchen, sie hat mir ja
nie, nie das geringste Wirkliche gesagt, sie müßte sich ja selbst
verfluchen! -- Aber Fräulein Nippe blieb bedenklich und sagte: Kind, ich
kenne die Leute besser; das ist ja alles schön und richtig, aber die
Scheuklappen, die sie andern um die Augen legen, werden zu schweren
Eisenpanzern, in die sie ihre eigenen Seelen hüllen, und unbarmherzig
ziehen sie daraus das Flammenschwert des Gerichtes hervor, mit dem sie
ihr Opfer dann umgarnen! Tun Sie es nicht, tun Sie es nicht!
 
Auf Lotte machten derartige Reden im Augenblick wohl Eindruck, aber er
stumpfte sich ab, ihre Sehnsucht wurde stärker und stärker, und
schließlich wurde sie einzig und allein von dem Gefühl beherrscht: Nach
Hause! Mochte alles kommen wie es wollte. --
 
Da ihr Entschluß nicht mehr zu erschüttern war, erbot sich Fräulein
Nippe, voranzureisen und Frau Bornemann auf alles vorzubereiten. Lottes
Plan erschien ihr nicht mehr so verwerflich, sowie sie sich selbst eine
Rolle in ihm spielen sah, und was für eine Rolle! In Gedanken war sie
schon gerührt über die Worte, die sie sprechen wollte, dann würde sie
Lotte hinter einem Vorhang hervorziehen -- sie sah einen grünen Vorhang
vor sich -- und dann würde sie eine segnend-symbolische Bewegung machen.
-- Aber Lotte wies ihr Anerbieten mit Dank zurück; sie wollte allein
gehen, ganz allein, nur vorher schreiben, daß sie käme.
 
Herr Könnecke war fast bestürzt über diese Wendung. Er äußerte dies
unverhohlen und sah Lotte mit traurigen Augen an. Und als sie Abschied
nahm, hielt er ihre Hand lange in seinen beiden, sagte immer wieder: Ach
Gott, nein ist das traurig, ach Gott, nein ist das traurig, und es war
ihm, als wolle er noch viel mehr sagen, aber er brachte kein Wort weiter
heraus. -- Ihr selber kamen die Tränen: Ich bin Ihnen so sehr vielen
Dank schuldig, ich weiß garnicht, wie ich Ihnen das vergelten soll! --
Das ist doch nicht der Rede wert, sagte Fräulein Nippe, ich habe das
alles sehr gern für Sie getan. -- Lotte wußte nicht, wem sie mehr danken
sollte, ihm oder ihr. Und doch: Herrn Könnecke war sie noch viel
dankbarer als Fräulein Nippe, die es ja auch stets gut mit ihr gemeint
hatte; aber Herr Könnecke war doch noch anders: Er hatte niemals
irgendein Wort darüber verloren, was er für sie tat, alles war
schweigend, selbstverständlich geschehen, niemals würde er gesagt haben, daß sie eine »arme Schluckerin« sei.

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