2015년 11월 23일 월요일

Pitt und Fox 8

Pitt und Fox 8


Fräulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt für gekommen, sich Herrn
Sintrup zu nähern.
 
Für uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb
konstatierenden, halb leise überredenden Tone gleichgestimmter Seelen:
Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen können, und Sie als
Kaufmann haben weiß Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken.
Haben Sie mehrere Söhne? -- Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. --
Ist er ebenfalls -- wird er auch studieren? -- Höchstwahrscheinlich!
sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschäftsmäßigen Ton; aber
Fräulein Nippe hörte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn
ein Vater sein großes, blühendes Geschäft immer weiter ausgestaltet, und
sich am Ende sagen muß: Für wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch
alles in fremde Hände über. -- Sehr vernünftig, wirklich vernünftig! --
Dann wird Ihr großes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort
sind; oder haben Sie noch Töchter? -- Nee; -- ja ein bißchen öde wird es
wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto
dreieinhalb Jahren. -- Ach! -- Fräulein Nippe machte ein tief
bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie plötzlich viele
Stufen mit einem Male übersprungen. -- Ja, sagte sie, und dann ein
ganzes, großes Hauswesen führen, das strengt an; zumal wenn keine
Töchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen,
um die Frau Gemahlin zu entlasten. -- Das kann ich ja auch mal, wenn es
nötig ist, das ist doch furchtbar einfach. -- So furchtbar einfach ist
das nicht! meinte Fräulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre
Herzensbildung gehört dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich
habe selbst einmal länger einen Haushalt geführt. Wie war der vorher
verwahrlost, durch gemütsrohe Damen, die vor mir da waren! --
 
Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten
wollen, um später, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei
schoß ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr,
steckte sie aber beruhigt wieder ein. -- Nein, nein, sagte er, mir
genügt schon, wenn die Person keine silbernen Löffel stiehlt. --
 
Fräulein Nippe fuhr ein klein wenig zurück, als wolle sie einem
Stäubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorüberflöge. Und Herr Sintrup
redete weiter: Brauche bloß zu annoncieren, am nächsten Morgen steht der
ganze Vorplatz voll. -- Ja, aber ich meine doch -- Fräulein Nippe
stockte. -- _Was_ meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.
 
Der Nachtisch wurde aufgetragen. -- Seid Ihr da unten immer noch nicht
fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal
sicher! -- Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein
Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen.
-- Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. -- Üblich oder nicht:
Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche.
-- Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem
Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das
Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr
verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere
haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort
wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es
zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der
die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. --
Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich
nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich
dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. -- Ach Gott, schmeckt das
mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum
zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich _auch_ noch? --
Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er
zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er
einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns
hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine
Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr »süßes
kleines Händchen« küssen. -- Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich,
man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der
Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne
seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem
Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. -- Sie
starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie
unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. -- Herr
Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede
und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder
rumkriege! -- Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas
und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? -- Wieso? fragte
sie mißtrauisch. -- Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als
Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber
wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die
Sache reden. -- Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern
und sagte nur: O bitte. -- Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie
grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er
bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben
wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er
wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie
dachte -- nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht
so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung
über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und
daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte -- mein Gott, ein bißchen
plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser
Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte
ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann -- ein Wort! -- Was
verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke
neugierig. -- Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit
Genugtuung. -- Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie
flehend an. -- Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden
sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht
gedacht. -- Sie trank den Rest aus ihrem Glase. -- Na, so bald ist es
hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. -- Sie wollte gerade
antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel.
-- Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht --
noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn
sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes
Gesicht. -- Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze
Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles
sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube
sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem
Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und
sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich
verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater,
aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich
rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht
helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er'n
nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal
gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden
die soviel, es hilft ja nichts, -- sie wird ja _doch_ enthauptet. -- Das
verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs
rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler
der Lüfte, -- da weine ich jedesmal meine Naht 'runter! Wird in Ihrem
Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. --
Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell -- das wird alles bei uns gegeben! --
Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich
darauf, im schwarzen Seidenkleide. -- Du darfst uns dann mal besuchen!
wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich,
obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal
so zu ihm, als ob sie -- als ob er -- er wußte selber nicht wie. -- Und
die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon
gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch
jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an
Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und
sauber in Ihrem Hause wird! -- Das wäre sehr zu wünschen! -- Dann wäre
es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! -- Ja, offen
gestanden: lieber heut als morgen. -- Aber Sie drolliger Mann, weshalb
lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! -- Elfriede
erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen.
-- Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch
getreten war, hörte, wie sein Sohn -- der dieses selbst nicht wußte --
in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die
beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir
auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel
Mühe zu geben brauchen. -- Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit
genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. -- Das ist ja aber
jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht
gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu,
als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. -- Ich _muß_ leider gehen!
sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn
Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie
wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später
zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie
sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert
an und pries seine »gentile Großmut«, während Herr Könnecke rot wurde
und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend
und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts
half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von
Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen!
-- Und _Sie_ wurden von _mir_ mitgenommen, das kommt doch auf eins
heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke
über die Situation hinweghelfen. -- Nun war Herr Könnecke eisern in
seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen.
Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen
und nahm Abschied. -- Schreiben Sie mir nun recht bald so einen
richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und
überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? -- In dem gutmütigen Herrn
Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine
Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich!
sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur
einen Scherz mit dir gemacht hat?! -- Fräulein Nippe fühlte etwas
Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir
erlaubt? -- Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen
schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. -- Sie würgte an ihrer
Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen,
rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre
intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? -- Ein andermal, ein
andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann _noch_
intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann
wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie,
und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine
irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in
ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund
sah -- hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen
wollte? Was konnte _er_ ihr denn bieten? --
 
Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er
dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in
Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl
wieder einstellen würde. -- Kann man dich auch so allein gehen lassen?
fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich
denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause,
Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem
Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder
zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend
durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. --
 
Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank.
Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. -- Hatte ich
Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden
würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt
vor; es kann ja auch kaum anders sein. -- Ihr war, als erwache sie aus
einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was
sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch
unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück,
ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es
ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er
allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie
kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.
 
Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und dunkel um sie war.

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